Kategorie: Norwegen

  • Durch Lofoten auf nach Helgeland

    Auch die Lofoten-Inseln haben uns nicht gerade mit freundlicherem Wetter als die der Vesteralen empfangen. Die Erkundungstouren, die wir in der folgenden Woche zu Fuß unternommen haben, sind daher meist relativ kurz ausgefallen: mal ein kurzer Hafenbummel (durch Laukvika) inklusive Begutachtung der Trockengestelle für Fisch, mal ein Strandspaziergang bei Storsandnes, mal eine Runde durchs Moor auf der Suche nach Blau- oder Moltebeeren, und zum Abschluss der Djeveltrappa-Aufstieg, ohne es weiter bis zum Teufelstor, der sogenannten Djevelporten, einer brückenänlichen Felsformation, zu schaffen. Der Ausblick auf eine Nebelschwade über Svolvær (von wo aus wir am nächsten Morgen die Fähre aufs Festland nach Skutvik genommen haben) war als Belohnung für die Mühe einfach zu wenig verlockend. Auch wenn der Weg ja angeblich ein Ziel sein kann, muss man vielleicht nicht unbedingt einen beschwerlichen oder sogar gefährlichen nehmen, wenn man am Ende oder für eine Pause nicht einmal ein schönes Plätzchen anvisieren kann. Daher haben wir uns – bei laufender Heizung oder mit einem heißen Getränk in den Händen – eher damit begnügt, die Landschaft einfach durch unsere Fenster hinaus statt von einigen der unzähligen Gipfel oder anderen Aussichtspunkte aus zu bewundern.

    Von unserem Bus aus hatten wir dann auch die vermutlich einprägsamsten Momente unseres Besuches: unsere erste „Offroad-Panne“ – am Laukvikøyene Naturreservat. Den Hinweg zum Stellplatz unserer Begierde – nach möglichst viel Abgeschiedenheit vom Touristenandrang, an einem ehemaligen Hafen gelegenen und über eine einstige Eisenbahntrasse (für den Transport von Eisenerz) erreichbar – haben wir trotz eines relativ tiefen Schlammlochs noch erfolgreich gemeistert!

    Die Weiter- bzw. Rückfahrt hatten wir rechtzeitig vor den nächsten angekündigten Regenfällen am folgenden Tag angesetzt. Allerdings scheint der Richtungswechsel und damit auch eine Änderung in dem zu bewältigenden Gefälle- bzw. Steigungswinkel durch den Matsch unseren Frontantrieb dann doch überfordert zu haben… Ein hilfsbereites, älteres norwegisches Paar, dem wir den (Fahrrad-)Weg blockiert haben, hat uns zwar bald mit Rat und Tat zur Seite gestanden, uns nach erfolglosen gemeinsamen Bemühungen aber wieder uns selbst überlassen. Vielleicht habe ich Dank ihnen allerdings gleich den richtigen von zwei naheliegenden Campingplätzen gewählt, um dort nach „professioneller Hilfe“ zu suchen. Ein paar Telefonate und gut 2 Stunden später hat uns bzw. unseren Bus dann ein Bauer mit seinem Bagger aus unserer bzw. seiner misslichen Lage befreit. Weil er bestimmt weniger dafür verlangt hat, als sich ein offizieller Abschleppdienst an einem Freitagnachmittag dafür hätte zahlen lassen, haben wir dem Bauern noch unseren vorletzten, eigentlich für die Fika geplanten, selbstgebackenen Bananenmuffin geschenkt und den letzten der Campingplatzbesitzerin vorbeigebracht. Ich hoffe, wir konnten uns bei beiden damit wenigstens für einen kleinen Teil der Freude revanchieren, die sie uns an diesem denkwürdigen Tag bereitet haben.

    Regen und für unsere Verhältnisse wenig sommerliche Temperaturen haben uns weiter begleitet – aufs Festland Helgelands, südlich des Polarkreises etwas ins Landesinnere (in die Gegend um Mo i Rana) und dann wieder zurück zum Kustveien, wo oftmals Fähren die Weiterfahrt ermöglichen. Weitere Bilder finden sich wie immer in Mathias‘ Bildarchiv.

    Bei weniger Nässe hätten wir uns auf der Insel Alsta mit Sicherheit wenigstens Teile der Bergkette „die sieben Schwestern“ erwandert. Stattdessen haben wir sie von der Nachbarinsel
    Dønna aus bewundert. Außerdem gab es dort eine leichtere Gipfelwanderung im Angebot, auf die wir uns in einer Regenpause – in der Morgendämmerung – gewagt haben.

    Unser nächstes Ziel war der Torghatten, den Mathias schon vor einigen Jahren im Mai besucht hatte – zu einer Jahreszeit, in der sich relativ wenige Menschen auf den Weg in den hohen Norden machen. Damals hat ihm der Himmel zwar – wenigstens zeitweise – ein freundlicheres, ungetrübtes Gesicht gezeigt. Dafür wird jetzt auf seinen Bildern – Dank einiger Statisten und Statistinnen – die beeindruckende Größe des Loches im Berg, um das es mindestens eine Legende gibt, deutlicher. Und uns hat das Warten auf ein regenfreies Zeitfenster eine entspannte Nacht auf der Insel Torget beschert, inklusive einen Morgenspaziergangs zum 120 Meter hohen Gipfel des Vikerheia.

    Jeder Tag war begleitet von spektakulären An- und Ausblicken sowie vielen kleinen Dingen, die die Natur in den Sommermonaten in Unmengen hervorbringt – so dass man sich ohne schlechtes Gewissen einige für den eigenen Gebrauch nehmen kann: Blätter, Blüten, Früchte und Fruchtkörper (von Pilzen).

    Damit wurde ich über die vielen Unannehmlichkeiten hinweggetröstet, also über „Dinge“, die ich sehe bzw. irgendwie anders wahrnehme und schwer oder einfach gar nicht akzeptieren kann bzw. möchte, und die mir auf unserer Reise natürlich auch immer wieder begegnen. Insbesondere die unschönen Spuren, die „moderne“ Menschen bei ihrer „Nutzung“ natürlicher Ressourcen (vor allem von Wasser, Sonne, Wind, Holz oder unterschiedlichsten Bodenschätzen), mit gezielter Nutztier- oder -pflanzenzüchtung oder auch an nur sehr schwer oder langsam recycle-baren (Bau-)Ingenieurskunstwerken hinterlassen, trüben immer wieder meine Vorstellung von Natur bzw. davon, was und in welchem Umfang wir uns als Menschheit erlauben bzw. (heraus-)nehmen dürften.

    Ich weiß, dass es nach vielen Zehn- oder sogar Hunderttausenden von Jahren Menschheitsgeschichte auch in „lebensfeindlicheren“, nördlicheren Gegenden dieser Erde naiv ist, auf dieser Erde noch von Menschen unberührte Natur finden zu wollen. Mir ist auch bewusst, dass wir ohne das gut ausgebaute Straßennetz, inklusive Brücken, Tunnels und Fährverbindungen, oder ohne Unterstützung des Internets und bargeldloser Zahlungsmöglichkeiten wahrscheinlich nicht so schnell und unkompliziert an einst mit Sicherheit sehr schwer erreichbare, entlegene Orte gekommen wären. Ich bin also dankbar dafür, dass wir uns einen Eindruck davon verschaffen konnten, mit welchen klimatischen, geologischen und anderen Herausforderungen Lebewesen konfrontiert werden, die sich dort wenigstens zeitweise niederlassen oder sogar dauerhaft (an-)siedeln (wollen). Und ich werde weiterhin hoffen, dass Menschen – auch wenn ihnen weiterhin irgendetwas einfallen wird, wofür sie auch an „unwirtlichen“ Orten etwas gebrauchen oder gewinnen könnten – irgendwann einfach aufhören werden, ihre Ideen auch immer umsetzen zu wollen, und die Natur dort einfach ganz, nicht nur bis zu einem bestimmten Maß, in Ruhe lassen. Im Grunde hätten sie bestimmt genug damit zu tun, ihre eigene jeden Tag im Zaum zu halten.

  • In Troms und Nordland

    Ein Jahr sind wir nun schon unterwegs. Kaum zu glauben, wie viele neue Orte wir seitdem für uns entdeckt haben. Trotzdem ist es uns – von ein paar wenigen abgesehen, an denen wir uns gleichzeitig von tollen Menschen verabschieden musstgen – sehr leichtgefallen, immer wieder aufzubrechen und weiterzufahren. Auch vom wunderschönen Norden Schwedens hat uns die Aussicht auf Norwegens Wildnis – auf höhere Berge und Wasserfälle, tiefere Fjorde, größere, über eine Vielzahl von Brücken, Tunneln oder Fähren verbundene Inseln – weggezogen.

    Den Juli haben wir in den norwegischen Provinzen Nordland und Troms verbracht, im 16. und vermutlich letzten Land unserer Europatour. Nach einem letzten Einkaufsstop in Schweden und einer Autowäsche in Narvik sowie der Durchquerung der ersten – kostenpflichtigen – Tunnel haben wir uns am Rombaken auf Fjordlandschaften bzw. die Inseln, auf denen wir anschließend gelandet sind, eingestimmt. Damit, dass das eigene Fahrzeug auf einigen Straßen, Brücken oder bei der Durchfahrt eines Tunnels mit automatischer Nummernerkennung erfasst und man hinterher zur Kasse gebeten wird, kann man sich übrigens nur abfinden – wenn man sich nicht die Zeit nehmen möchte, die eigene Streckenplanung danach auszurichten, dies zu vermeiden, und eventuell Orte auszulassen, die man eigentlich anfahren wollte.

    Vom Rombaksfjord aus, wo ganz in unserer Nähe 1940 einer der deutschen Zerstörer – genannt Georg Thiele – während der Besetzung Norwegens bzw. des Kampfes um Narvik auf Grund ging und heute noch aus dem Wasser ragt, sind wir nach Senja gefahren. Die in der Provinz Troms gelegene, zweitgrößte Insel des Landes ist eine mittlerweile sehr beliebte Alternative zu den teilweise ziemlich von Reisenden überfluteten Lofoten-Inseln, aber daher auch kein Geheimtipp für Menschen mehr, die es vorziehen, überlaufene touristische Ziele zu meiden.

    Wir haben trotzdem immer wieder Stellplätze für uns ganz alleine ergattert, auch wenn die nächste Straße meist in Sicht- oder zumindest Hörweite lag.

    Senja wird – auf Grund ihrer Vielfältigkeit – unter anderem als Miniaturausgabe Norwegens beschrieben: mit sanften Hügelketten zwischen hohen, steilen und schroffen Felsen, reißenden oder friedlich dahinplätschernden Flüssen und zahllosen Wasserfällen, malerischen Seen und Moorlandschaften, weißen Sandstränden, Fischerdörfern. Uns haben in den zehn Tagen, die wir dort verbracht haben, einige Orte – leider abgesehen von den herrschenden Temperaturen – an die Bergnebelwälder tropischer Gegenden erinnert.

    Wir sind froh, dass wir einige sonnige Stunden abpassen konnten, um auch Blicke von oben auf das Inselreich erhaschen zu können, indem wir Wanderungen unternommen haben: zum Arnakken, zur Mitternachtssonne auf dem Hesten (mit Blick auf den Segla) und zum Husfjellet, den wir allerdings nicht erreicht haben, weil uns der Aufstieg nach etwa der Hälfte, ab Sommardalhaugen, zu matschig-rutschig wurde.

    Während der Sommer 2026 in großen Teilen Europas für Hitze und Trockenheit gesorgt hat, war bzw. ist Norwegen immer noch mit überdurchschnittlich starken Regenfällen gesegnet, so dass uns viele Wanderwege einfach abgschreckt haben. Einerseits gehörte die Durchquerung von kleineren Moorwiesen oder ganzen Sumpfgebieten zu fast allen Touren, die wir bei Trockenheit vermutlich gewagt hätten, andererseits haben wir schnell festgestellt, dass auch „leichte“, angeblich familiengeeignete Wanderungen nicht unbedingt durchschnittlichen deutschen (oder hessischen?) Erwartungen bzw. Fitnesslevels entsprechen. Wir könnten zwar noch die eine oder andere Trainingseinheit für Südamerika gebrauchen, nach 12 Monaten ohne Sommerhitze fehlt uns allerdings oft die (Sonnen-?)Energie, jede Chance dazu zu nutzen.

    Durch die Begegnung mit einem wanderbegeisterten Deutschen haben wir uns immerhin dazu animieren lassen, doch einen Abstecher über die Lofoten-Inseln zu machen, die wir uns – aufgrund des befürchteten Besucherandrangs – eigentlich ersparen wollten. Also haben wir die Fähre von Gryllefjord nach Andøya und gleichzeitig eine ziemlich stürmische Überfahrt auf die Vesteralen auf uns genommen (um anschließend über die Insel Hinnøya bzw. die Raftsundbrücke weiter in die Lofoten zu fahren).
    Eines der Highlights dieser sehr sanften Inselgruppe, deren grün-orange-braungefärbte Moorlandschaften mich abwechselnd an Bilder erinnert haben, die ich von Irland oder aus der Pampa Südamerikas im Kopf habe, sind Papageientaucher. Zehntausende nisten auf Bleiksøya, einem Felsen vor dem Städtchen Bleik. Vom Strand aus konnten wir die an riesige Insektenschwärme erinnernden schwarzen Wolken sehen, die vermutlich auf diese Vögel zurückzuführen waren. Wegen des schlechten Wetters haben wir uns allerdings dagegen entschieden, eine Puffin-(Boot-)Safari mitzumachen und stattdessen dafür, Vesteralen möglichst schnell hinter uns zu lassen und die Lofoten bzw. wieder Nordland anzusteuern.