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  • Wendepunkte I

    Nicht nur die Jahreszahl hat sich kĂĽrzlich geändert, auch wir haben eine neue Richtung – gen (Nord-)Osten – eingeschlagen. Der sĂĽdwestlichste Punkt (Festland-)Europas, in Sagres, hat uns sozusagen keine andere Wahl gelassen, als – entlang der AtlantikkĂĽste – „umzukehren“. Der Abschied vom Parque Natural do Sudoeste Alentejano e Costa Vicentina mit seinem Fischerpfad, der Rota Vicentina, an dem wir uns bis dorthin orientiert hatten, ist uns nicht ganz leicht gefallen. Wir haben diesen wunscherschönen KĂĽstenwanderweg, nachdem ich ihn entdeckt hatte, gleich mehrmals angefahren, um wenigstens ein paar kĂĽrzere Streckenabschnitte laufen bzw. Parkplätze in seiner Nähe fĂĽr Ăśbernachtungen nutzen zu können.

    Die zum Teil mit Striemen übersäten Felsen haben uns den Begriff windgepeitscht lebhaft vor Augen geführt, so wie die Vegetation (vor allem Eichen oder Pinien und Wacholder zwischen vielen Zwergsträuchern und Polsterpflanzen) den Begriff windgeschoren. Aufgrund unserer mangelhaften Geologiekenntnisse konnten wir leider nur erahnen, welche Geschichten die aufgebrochenen, freiliegenden Strukturen, Schichten und Muster zu erzählen haben.

    Mehr Bilder davon finden sich wie immer auf Mathias‘ Website.

    Im Gegensatz zur Sandalgarve hat die Felsalgarve zwar nur kleinere Sandbuchten zu bieten, aber die Temperaturen haben ohnehin eher dazu eingeladen, in Bewegung zu bleiben statt sich am Strand niederzulassen.

    Der Fischerpfad hat auf jeden Fall dafĂĽr gesorgt, dass wir uns von den zivilisationsĂĽberladenen Tagen auf der PenĂ­nsula de SetĂşbal regenerieren konnten und angefangen haben zu verstehen, warum es viele Menschen an dieses StĂĽckchen Erde zieht</p>Die sehr verregneten Novembertagen sind irgendwie – mit viel Zeit fĂĽr tägliches Orangensammeln und -pressen zum FrĂĽhstĂĽck, diversen fälligen Aufräum- und Reinigungsarbeiten im Bus sowie Wäschewaschen, Brot backen und vielen kleineren Spaziergängen (zum MĂĽllentsorgen oder Einkaufen) sowie einer größeren, längeren Wanderung (zum Strand von Sesimbra) – wie im Flug vergangen, ohne dass wir das GefĂĽhl hatten, uns dabei erholt zu haben.

    Mathias wäre danach am Liebsten sofort aus dem in vielerlei Hinsicht deutlichen Einzugsgebiet Lissabons geflüchtet, ist aber mir zuliebe mit mir noch bis zur Spitze der Halbinsel, dem Cabo Espichel gefahren und hat sich auf weitere zwei Nächten in Fußnähe zu Setubal eingelassen, um mir einen (Einkaufs-)Wunsch zu erfüllen: den Mercado do Livramento, eine historische Markthalle zu besuchen.

    Da wir schon den nördlichsten Punkt Spaniens ausgelassen hatten (bevor wir uns Richtung SĂĽden bewegt haben) und auch der nicht weit entfernte westlichste Punkt des europäischen Festlands nicht auf unserer Route lag, wollte ich mir einfach gerne diesen heute immer noch beliebten und an einer äuĂźersten Landspitze gelegenen Pilgerort anschauen, um den sich viele Legenden ranken (und zu dem sich unter dem Stichwort „Cabo Espichel“ ohnehin unzählige Fotos oder andere Informationen finden, so dass es kein Drama ist, dass Mathias sich nicht dazu durchringen konnte, seine Kamera auszupacken). Mein besonderes Interesse galt aber weder dem Leuchtturm noch dem Kloster mit der barocken Wallfahrtskirche Nossa Senhora do Cabo (in dem gerade eine Filmcrew am Werk war), sondern den DinosaurierfuĂźabdrĂĽcken in den KĂĽstenfelsen. Ich kann nicht behaupten, dass sie mich sehr beeindruckt oder – aufgrund der Entfernung – ĂĽberzeugt hätten; aber die Landschaft (von der es leider keine „professionellen Bilder“ gibt, weil Mathias es vorgezogen hat, „zu Hause“ – im Bus – zu bleiben und auf mich zu warten) war den kleinen Ausflug fĂĽr mich definitiv wert.

    Beim Mercado do Livramento, der vor allem fĂĽr seinen – angeblich – frischen (und trotzdem zum Himmel stinkenden…) Fisch weltberĂĽhmt ist, war ich mir auf meiner Suche nach möglichst pestizid- bzw. schadstoffarmem (Trocken-)Obst und GemĂĽse, NĂĽssen, Saaten, Kräutern und GewĂĽrzen dagegen erst einmal nicht so sicher. Ein einziger (Bio-)Unverpackt-Stand, an dem wir unsere mit der Zeit immer leerer gewordenen Vorratsgläser auffĂĽllen konnten, sowie ein kleiner Bioladen in der Nähe, in dem wir uns mit frischen FrĂĽchten, Knollen,Zwiebeln, Blättern usw. versorgen konnten, haben die Enttäuschung ĂĽber das restliche Angebot dann wenigstens etwas wettgemacht.

    Im Nachhinein kann ich Mathias verstehen, der am liebsten einen großen Bogen um die Stadt oder wahrscheinlich sogar die ganze Halbinsel gemacht hätte, Trotzdem bin ich froh, dass wir von dort sowie von unserem zweiten Stellplatz (dem kreativen Zentrum in Palmela, das mit diversen Werkstätten zum Schreinern, Nähen, Töpfern oder zur Steinhauerei und Metallbearbeitung einlädt) einiges mitnehmen konnten, was wir zum Teil heute noch gut gebrauchen können: neben Lebensmitteln nämlich z.B. Sägespäne, die wir zur Geruchsbindung unserer Trenntoilette nutzen, oder den Holzriegel, den Mathias für unseren (sich während der Fahrt häufig verselbständigenden) Ausziehtisch dort zurechtgesägt hat.

    Auf unserem weiteren Weg „zurĂĽck“ Richtung Spanien wurde uns dann gleich 2 Mal die Möglichkeit geboten, uns einen privaten Stellplatz bzw. Wasser- und/oder Stromversorgung auf einer Finca zu erarbeiten. Erst konnten wir beim Aufbau eines Holzhauses und das zweite Mal bei der Gestaltung eines Gartens helfen. FĂĽr mich ist es immer wieder eine wundervolle Erfahrung, auf Menschen zu treffen, mit denen ich in Austausch gehen kann, ohne dass dabei Geld „flieĂźen“ muss – weil ich fĂĽr eine Gegenleistung etwas anbieten kann, was ich immer bei mir habe: meine eigenen Fähigkeiten.

    Eine weitere schöne Überraschung war, dass wir uns von Sagres über Barão de São Miguel und Monchique bis Loulé aufgrund des unerwartet vielfältigen Angebots öfters den Luxus gönnen konnten, vegan essen zu gehen, meist sogar richtig gut!

    Ich weiĂź nicht, ob es am Wetter und den kĂĽhlen Temperaturen oder wieder mal an der Nähe zu einer größeren (Haupt-)Stadt – Faro – lag: Mit dem letzten KĂĽstenabschnitt bis zum Grenzfluss nach Spanien (und seinen Touristenattraktionen) sind wir nicht so richtig warm geworden. Obwohl wir mit dem Gedanken gespielt haben, haben wir uns weder auf eine Bootstour zu den beworbenen (Benagil-)Höhlen begeben noch auf eine durch den Naturpark Ria Formosa und die dazugehörigen Inseln. Manchmal fĂĽhlt es sich einfach sinnvoller an, auf etwas zu verzichten, was mehr Zeit oder Energie oder auch Geld kosten wĂĽrde, als man bereit ist, dafĂĽr aufzubringen.

    Statt in die Natur sind wir bei unserem letzten Stop in Castro Marim vor der Rückkehr nach Spanien vor allem in die (Religions-)Geschichte Portugals bzw. Europas eingetaucht: für 1,10 Euro haben wir die etwa 800 Jahre alte Burg mit ihren Ausstellungsräumen besucht, die uns außerdem einen Panoramablick über die Salzseen des Natural Reserve of Sapal de Castro Marim and Vila Real de Santo Antonio geboten hat.

    Ob hier immer noch – wie laut Medienberichten vor ein paar Jahren – Flamingos brĂĽten, kann ich nicht sagen. Aber zum Abschied von Portugal konnten wir später bei einem letzten Stop wenigstens einige erspähen bzw. ihre Runden drehen sehen (leider war die Entfernung fĂĽr Fotoaufnahmen zu weit ).

    Adeus, Portugal!

  • Von Frankreich ĂĽber Spanien nach Portugal

    KĂĽrzlich bei Sonnenaufgang – am Embalse de Cáceres, einem Stausee vor der gleichnamigen Stadt, an dessen Ufer wir ĂĽbernachtet haben – habe ich beschlossen, nicht mehr zu versuchen, die letzten Wochen unserer Reise chronologisch aufzuarbeiten. Ich genieĂźe einfach, unsere Zeit dafĂĽr nutzen zu können, die Orte zu erkunden, an denen wir uns fĂĽr kurze Zeit niederlassen. – Ich denke nämlich, dass es immer einen guten Grund hat, den es zu ergrĂĽnden gilt, warum man irgendwo landet bzw. warum man sich einen bestimmten Platz zum Ăśbernachten wählt (oder sogar, um dort ein paar Tage zu bleiben). Wenn man allerdings ständig damit beschäftig ist, so viel wie möglich fĂĽr sich selbst herauszufinden (oder mit Lebensmittelsuche und Zu- oder Vorbereitung…), bleibt am Ende keine Zeit mehr, später auch andere als die, die selbst vor Ort sind, daran teilhaben zu lassen.

    Ich habe mir allerdings fast ĂĽberall Notizen gemacht, und in meinem Kopf ist bereits eine grobe Ordnung nach Themen – Flora, Fauna, Ă–kologie, Natur-, Erd-, und/oder Weltgeschichte(n) u.a. – enstanden. Bestimmte Pflanzen, Tiere oder „die“ Menschen, aber auch – damit verbunden oder vielleicht auch gänzlich unabhängig davon – Tektonik, klimatische Veränderungen hinterlassen die unterschiedlichsten, ganz individuellen oder auch gemeinschaftlichen Spuren ihres Daseins. Wenn man wie ich nach (natĂĽrlichen) Zyklen Ausschau hält, das heiĂźt nach – ressourcen- und energie- sowie intentionsabhängigen Auf-, Um- und Abbauerscheinungen (Was ist gerade am Entstehen? Was erscheint in „voller BlĂĽte“, auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung? Was scheint eher an einem Endpunkt angelangt zu sein und zu vergehen?) – , lassen sich an vielen Stellen Vergleiche anstellen oder Wiederholungsmuster erkennen.

    Nach der Normandie sind wir jedenfalls in die Bretagne und danach die Atlantikküste hinunter ins Baskenland und anschließen Richtung Westen bis nach Gallizien gefahren. Nach dem ersten Nachtfrost in den Bergen waren wir uns einig darin, möglichst schnell wärmere, südlichere Orte aufzusuchen.
    Mathias hatte sich einen Abstecher in die Extremadura gewĂĽnscht, und dort waren noch Tagestemperaturen um die 20 Grad und Nachttemperaturen um die 10 Grad Celsius gemeldet. Daher haben wir beschlossen, nicht gleich weiter nach Portugal, sondern erst dorthin zu fahren: in die „spanische Serengeti“ mit ihren groĂźteils flachen HĂĽgellandschaften und weiten Ebenen bzw. Baumsavannen, sogenannten Dehesas, die das Landschaftsbild bis nach Portugal hinein bestimmen. In Deutschland wĂĽrde man sie wohl als Hutewälder bezeichnen: naturnah bewirtschaftete, nämlich vom iberischen Schwein sowie Rindern, Schafen oder Ziegen beweidete und dadurch sehr offene, von Unterwuchs freie, plantagenartige (Stein- und Kork-)Eichenwälder oder eher (-)Haine. Es handelt sich hier also – ähnlich wie auf dem schwedischen Ă–land – um eine alte Kulturlandschaft, nicht um ursprĂĽngliche Natur, die auch ohne menschlichen Einfluss entstanden wäre oder sich aus sich selbst heraus so erhalten könnte. Allerdings ist sie, vor allem, wenn man sie mit den verbreiteten Monokulturen vergleicht, relativ artenreich, insbesondere die Vogelwelt betreffend.

    Da ich ja seit einigen Wochen die Natur um uns herum nicht mehr nur mit einer Taschenlupe „bewaffnet“, sondern auch mit Fernglas und Vogelstimmenapp durchforste, habe ich – neben der Begegnung mit altbekannten Arten – einige persönliche Neuentdeckungen machen können: Rotkehlchen und -schwänzchen, Meisen, Amseln, Tauben, Kleiber, Baumläufer, Gir- und Stieglitz, Zilpzalp u.a. haben uns schon auf der ganzen Reise begleitet; Goldhähnchen erkenne ich seit Schweden, Seidensänger seit Frankreich öfters wieder;, und SamtkopfgrasmĂĽcke, Haubenlerche, Blauelster und IberienraubwĂĽrger sowie Gänse- und Mönchsgeier und einige Raubvögel sind in den letzten Tagen, neben diversen Wasservöglen, neu dazugekommen.

    Die Tage in der Extremadura waren fĂĽr mich – trotz zunehmender KĂĽhle, vor allem am Abend (oder vielleicht auch, weil ich deshalb öfters mit einer Wärmflasche an den FĂĽĂźen geschlafen habe?) – wirklich sehr entspannend. Ich konnte meinem natĂĽrlichen Fortbewegungsdrang (dem zu FuĂź) groĂźteils bedenkenlos nachgehen, das heiĂźt mich auch alleine (Mathias ist leider nicht ganz so bewegungsfreudig) in mir unbekanntes Terrain wagen. Sobald ich genug Anhaltspunkte dazu habe, was mich auf einer Erkundungstour erwarten könnte, (und dazu unsere Homebase lange im Blick behalten kann bzw. mir sicher bin, dass ich mich im Notfall auch relativ schnell wieder dorthin zurĂĽckbewegen kann), desto weniger Ăśberwindung kostet es mich, die Freiräume drauĂźen zu nutzen. Mir ist nämlich immer bewusst, dass sie natĂĽrlich das Revier der unterschiedlichsten Arten von Lebewesen sein können, egal ob ich ihnen gerne begegne oder auch nicht.
    Es kann zwar ein freudiges Ereignis sein, gesetzte (Bewegungs-)Ziele zu erreichen; aber mir persönlich erscheint es erstrebenswerter, auch den Rückweg nach Hause erfolgreich, das heißt für mich möglichst unversehrt zu meistern.

    Meine Knochen, Gelenke, Muskeln etc. und auch mein GemĂĽt haben es mir gedankt, dass ich mehrere Tage hintereinander zwischen fĂĽnf (oder sechs) und 17 Kilometer gelaufen bin. Deshalb kann ich es gerade auch einigermaĂźen gut – ohne allzu viele Hummeln im Arsch – verkraften, dass wir danach einen langen Fahrtag (nach Sesimbra, auf der Halbinsel von Setubal, in direkter Nähe zu Lissabon) hatten und es seit unserer Ankunft so viel regnet, stĂĽrmt und gewittert oder sogar hagelt, dass sogar mich gerade nicht sehr viel nach drauĂźen zieht.
    Es scheint, als hätten wir uns zu einem guten Zeitpunkt entschieden, uns fĂĽr die nächsten Tage einen zwar windigen, aber mit mehr Komfort ausgestatteten RĂĽckzugsort als die Natur zu wählen, an dem wir ein Badezimmer, KĂĽche, Waschmaschine sowie Trockner und sogar einen Seminar-/Aufenthaltsraum zum Arbeiten nutzen können. Nachdem wir in den letzten Wochen meistens irgendwo frei standen, ohne Camping- oder andere kostenpflichtige Stellplätze nutzen zu mĂĽssen, ist es eine schöne Abwechslung fĂĽr uns, uns etwas Luxus zu gönnen. GenieĂźen können wir das ohnehin immer nur kurzzeitig – bevor es uns wieder „in die Wildnis“ zieht.
    Ich kann mir vorstellen, dass hier – wo es drauĂźen noch weitere Tage so weiter gehen soll und wir uns auĂźerdem die Zeit sparen können, die wir sonst mit der Suche nach einem neuen, möglichst windgeschĂĽtzten und sonnigen Stellplatz, nach Wasser, nach Einkaufsmöglichkeiten undundund verbringen – noch weitere Texte entstehen werden.

    Wer mehr Fotos sehen möchte, kann gerne unter folgender URL schauen:
    https://natur-highlights.de/Archiv/

  • Frankreich, Frankreich

    Gleich unser erster Stellplatz nach der Landesgrenze, zu dem ich nach unserer Ankunft ein wenig recherchiert habe, hat mir (wie ich glaube, weil ich mich aus meiner Schulzeit oder auch sonst nicht daran erinnern kann…) neue Geografiekenntnisse – zur Existenz der französischen OpalkĂĽste (sowie der angrenzenden AlabasterkĂĽste) beschert.

    Obwohl sowohl Mathias als auch ich schon in Frankreich, allerdings eher in sĂĽdlichen oder näher an der deutschen Grenze liegenden Gebieten, waren, hatten wir keinerlei konkrete Vorstellungen vom Norden des Landes. Vielleicht liegt es an den Gezeiten, denen die KĂĽste unterworfen ist, vielleicht an der „aufwĂĽhlenden“ Geschichte (von der vor allem alte Bunkeranlagen oder Friedhöfe bzw. Gräberfelder zeugen…); wir haben jedenfalls fast täglich etwas entdecken können, das auch uns bewegt hat: dazu, uns gedanklich ein wenig damit auseinanderzusetzen.

    Wenn ich mir die SteilkĂĽsten betrachte, fällt es mir z.B. nicht schwer zu glauben, dass sie BruchstĂĽcke eines ursprĂĽnglich größeren bzw. anders als heute gestalteten Kontinents sind und dass sich unsere Erdteile – vielleicht auch verursacht durch die ständigen kleineren oder größeren „UmbaumaĂźnahmen“, die Lebewesen vornehmen (oder den massiven GĂĽtertransport, den Menschen betreiben…) – weiterhin bewegen.

    Einen besonderen Freudensprung hat mein Herz (oder vielleicht eher mein BauchgefĂĽhl…) gemacht, als ich entdeckt habe, dass wir rechtzeitig zur Maronizeit in Gegenden eingetroffen sind, die nicht nur mit Apfel- oder Birn-, sondern auch mit Esskastanienbäumen, den Lieferanten der Châtaignes, gesegnet sind. Seitdem gab es bei uns nicht nur ein Mal heiĂźe Maroni; und als wir mal davon genug hatten, habe ich – inspiriert von den Kastaniencremes in den Supermarktregalen – daraus einen sĂĽĂźen Brotaufstrich entworfen. Da sich Mathias seine geliebten veganen Schokoaufstriche aufgrund ihrer horrenden Preise schon seit Schweden oft verkneift, konnte ich damit zwar keinen guten Ersatz liefern, aber wenigstens fĂĽr ein bisschen Ablenkung und Abwechslung bei unseren Brotzeiten sorgen.

    Wir sind – was unsere Strecke betrifft – zwar oft sehr ahnungslos, aber mit offenen Augen, die unsere Umgebung erkunden, unterwegs. Deshalb haben wir beim Fahren aus der Ferne die Felseninsel oder vielmehr Abtei Mont-Saint-Michel erspäht, von der wir zwar noch nie etwas gehört hatten, die uns aber dazu veranlasst hat, unsere Fahrt zu unterbrechen. Wir haben in FuĂźnähe zu Berg und Bucht einen kleinen Laden fĂĽr regionale Produkte gefunden, vor dem wir die Nacht verbringen durften. So konnten wir sowohl die Nachmittagssonne als auch den Sonnenaufgang am nächsten Tag nutzen, um uns auf den Weg durchs bzw. ĂĽbers Watt zu begeben und diesen Ort mit seiner langen Geschichte etwas genauer anzuschauen.

    Anschließend ging unsere Fahrt weiter – in die Gegend, die als Vorbild für ein kleines, fiktives gallisches Dorf gedient hat, das sich mit Hilfe eines Zaubertranks der römischen Besetzung widersetzt hat: in die Bretagne.

    Wer mehr Fotos sehen möchte, kann gerne unter folgender URL schauen:
    https://natur-highlights.de/Archiv/Frankreich/Normandie/

  • Auf in Richtung Winterrefugium

    Wir bewegen uns beständig weiter gen Süden bzw. Westen, immer auch ein wenig im Hinblick darauf, uns dabei möglichst primitiv(er) zu verhalten bzw. auf möglichst ursprünglichen Pfanden zu wandeln und auf möglichst naturnahe Mittel zurückzugreifen.
    Gar nicht so einfach, wenn man so (v)erzogen wurde wie wir und gar nicht wissen kann, welche unserer BedĂĽrfnisse, Vorstellungen sowie Gepflogenheiten eigentlich natĂĽrlichen Ursprungs sind und welche eher familiären oder kulturellen Traditionen entspringen. Es heiĂźt fĂĽr uns also ganz oft, dass wir uns auf unser(e) GefĂĽhl(e) verlassen „mĂĽssen“, aber gleichzeitig auch bedenken (und ausdiskutieren…), wohin das fĂĽhren könnte.

    In dem GefĂĽhl, dass wir Deutschland nach der – nächtlichen – Ankunft bzw. nach ein paar Stunden Schlaf auf einem Camperstellplatz in TravemĂĽnde, möglichst schnell wieder verlassen wollen, waren wir uns zum GlĂĽck mal einig. Also haben wir uns nur einen kurzen Hafen- und Strandspaziergang in Niendorf gegönnt, einen kurzen Tank- und (Bioladen-)Shoppingstopp in Oldenburg eingelegt und sind dann in die Niederlande – nach Midwolda, in die Nähe von Groningen, „weitergedĂĽst“ (falls man das Ankämpfen gegen Windböen ĂĽberhaupt so bezeichnen kann)… Auch wenn die Nacht vor dem Campingplatz am Yachthafen nicht die ruhigste, nämlich sehr stĂĽrmisch war, war sie fĂĽr uns nach einer ziemlich schlaflosen am Fährhafen in Karlshamm (in der Nähe eines durchweg brummend-laufenden LKWs) und der eher kurzen in TravemĂĽnde wahrscheinlich trotzdem erholsam..

    Die nächsten beiden Tage und Nächte haben wir – nach einem wetterbedingt sehr kurzen Abstecher an die Nordsee, in den Nationalpark Lauwersmeer – auf einem Bauernhof im westfriesischen Workum (beim beständigen Gebrumme der Windkraftanlage des benachbarte Bauern …) ein wenig durchgeatmet, Schlaf nachgeholt und mal so gut wie Nichts gemacht, was fĂĽr andere Menschen wahrscheinlich Reisen bedeutet: Wir sind im Grunde die meiste Zeit daheim geblieben bzw. haben uns in und mit unserem 1-Zimmer-6-Quadratmeter-Schlaf- und Esszimmer-KĂĽche-Bad-BĂĽro-Wohnraum beschäftigt.

    Im Grunde fand ich es schade, dass wir uns bewusst nicht mehr Zeit nehmen wollten, die von Wasserwegen durchzogenen, malerischen Landschaften zu erkunden oder uns die kleinen Dörfer genauer anzusehen. Aber die Welt ist einfach viel zu groĂź und eine Lebenszeit einfach etwas zu begrenzt, um ĂĽberall länger als fĂĽr relativ wenige Augenblicke zu bleiben, um mehr als ein paar – oft zusätzlich von Sprachbarrieren behinderte – Worte zu wechseln oder um mehr als das zu erfahren, womit sich Menschen (oder auch Tiere) momentan beschäftigen. Ein fundiertes Wissen, das auch HintergrĂĽnde beleuchtet bzw. BeweggrĂĽnde erklärt lässt sich so natĂĽrlich nicht gewinnen. Immerhin weiĂź ich- trotz Sprachbarriere – jetzt, dass es (mindestens!) einen Bauern in Westfriesland gibt, der – ohne seinen Hof ganz aufgegeben zu haben – statt des Traktors jetzt bis zur Rente lieber LKWs fährt. Vielleicht ist es ja genau das, was Reisen ausmacht: entlang des Weges kleine Anekdoten aus dem Leben anderer sammeln und mit den eigenen vermischen, so dass am Ende ein – buntes – Gesamtbild entsteht?

    Die nächste Station, die wir – fĂĽr einen Abschiedsbesuch – anfahren wollten, war Amsterdam. Am Ende war es fĂĽr uns allerdings auch ein Kennenlernen: von Amsterdam Noord, der kostenlosen Fähren zum Zentrum und von einem wirklich zauberhaften, bepflanzten (Industrie-)Hinterhof, der mir jetzt – zusammen mit unseren Gastgebern – bestimmt in schönerer Erinnerung bleiben wird als der Rest der Stadt (obwohl wir uns dort richtig back to primitive verhalten und wie kleine Kinder lecker – indisch, ökologisch produziert und rein pflanzlich – bekochen lassen haben).

    AuĂźerdem durften wir uns in Almere, der laut Medienberichten jĂĽngsten und „grĂĽnsten“ Stadt der Niederlande (fĂĽr die die ehemalige Zuiderzee trocken gelegt wurde, um die wachsende Bevölkerung von Amsterdam unterbringen zu können…) einen Eindruck davon verschaffen, wie dort junge Menschen ein eigenständig entworfenes Holzhaus gerade selbst bauen. Da es Mathias` Traum ist, genau das irgendwann in SĂĽd- oder Mittelamerika zu tun, gehört auch das zu unserer Reise: Ideen dazu zu sammeln, wie sich Menschen mit möglichst primitiven Mitteln ein schönes Zuhause schaffen.

    Belgien erschien uns auf der Durchreise nicht verlockend genug, um dort fĂĽr länger als nötig, d.h. fĂĽr eine Pause von der mit unserem Bus auf engen StraĂźen – mit fĂĽr uns oft schwer les- oder deutbarer Beschilderung – oft anstrengenden Fahrt) zu bleiben. Wir haben also nur eine Nacht in Flandern (Beveren) auf dem Parkplatz vor dem (Renaissance-)Schloss Cortewalle verbracht. Vielleicht hätten wir, wenn wir es besucht hätten, auch darin etwas zum Thema „primitiv leben“ lernen können; aber da der Herbst täglich spĂĽrbar näher rĂĽckte, haben wir uns dafĂĽr entschieden, möglichst schnell nach Frankreich bzw. dessen (Nord- und West-)KĂĽste entlang Richtung Spanien weiterzufahren.

  • Schweden (und auĂźerdem auch Deutschland, Niederlande und Belgien – aber dazu erst nächstes Mal mehr) adĂ©

    Schweden (und außerdem auch Deutschland, Niederlande und Belgien – aber dazu erst nächstes Mal mehr) adé

    Schon vor vier Wochen haben wir Südschweden (mit der Fähre von Karlshamn) verlassen, weil wir uns einig darin waren, dass wir uns langsam gen Süden bewegen sollten, wenn wir auf unserem Weg nicht irgendwann unnötig viel frieren wollen. Auch wenn die Landschaften, die wir in den Wochen zuvor bereist haben, zum Teil wirklich märchenhaft waren, war für uns kein Ort darunter, der uns so gefesselt hätte, dass wir ihn unbedingt in den kältesten Monaten des Jahres würden erleben wollen.

    Was wir schon öfters ein wenig vermisst haben, ist die Gewissheit, dass wir eigentlich ĂĽberall „in der Natur“, also auĂźerhalb von Ortschaften, wo wir – auch auĂźerhalb ausgewiesener Parkplätze – fĂĽr unseren knapp sechs Meter langen und 2,7 Meter hohen Bus einen Stellplatz finden, auch eine Nacht verbringen können, ohne befĂĽrchten zu mĂĽssen, verjagt zu werden. Auch wenn das schwedische allemansrätten, das Jedermannsrecht, vor allem Menschen erlaubt, sich Tag und Nacht in der freien Natur auch auf Privatgelände aufzuhalten, solange dafĂĽr keine Zäune eingerissen werden „mĂĽssen“ und sie dabei auch sonst nichts zerstören oder verschmutzen bzw. jemand anderen stören, scheinen an den meisten Orten, die man mit einem Automobil ohne Geländefunktion erreichen kann, auch diese geduldet zu werden.

    Mittlerweile sind wir allerdings schon oft genug – in Amsterdam, den Niederlanden/Westfriesland, Belgien oder zuletzt gerade in Frankreich – so positiv von privaten oder anderen „offiziellen“ Stellplätzen fĂĽr sehr wenig Geld (und/oder dafĂĽr sehr netten Service) ĂĽberrascht worden, dass wir wenig Bedenken haben, den VorzĂĽgen, die Schweden fĂĽr Menschen wie uns bietet, lange nachzutrauern.

    Für mich war ohnehin von Anfang an ziemlich klar war, dass der „schwedische Weg“ (in Sachen Digitalisierung, Geld- und Gesundheitspolitik oder auch Naturschutz) genauso wenig verlockend zum (Miter-)Leben (als Landesbewohnerin) ist wie das, was ich aus Deutschland kenne. Obwohl mir also ein paar Wochen im Land vollends genügt haben, um mir meine Vorahnugen zu bestätigen, bin ich dankbar für die Erfahrungen, die ich hier machen konnte und für die Erinnerungen, die bestimmt noch eine ganze Zeit lang bleiben und nachwirken oder immer mal wieder wachgerufen werden:

    An die weiten Waldlandschaften, an flechten- und moosbewachsene Felsenmeere oder eindrucksvolle Steinbrocken, bei denen wir uns oft gefragt haben, wie sie wohl an die Stellen gekommen sind, die sie gerade belegen, und an die oft seerosenbewachsenen und schilfumsäumten kleinen und riesigen Seen.

    An den Morgennebel, an die unterschiedlichsten Küstenformen, an Häfen, Sandstrände und die wunderschönen Schärengärten.

    An Hagebuttensträucher, Blau-, Brom- und in Jonköping sogar Maulbeeren, Schlehen, Pilze, Apfelbäume, die dafür gesorgt haben, dass ich so einiges sammeln konnte, um unseren Speiseplan zu bereichern.

    An Sonnenauf- und untergänge – über Seen, Wäldern, der Öland-Steppe oder an der Küste.

    Vor allem an Öland, das wir bis vor Kurzem noch nicht einmal vom Namen her kannten, mit seinen savannenartigen Weiten, seinen Mooren oder eher Schilfandschaften und Küsten. Neben einem Paradies für unzählige (Zug-)Vögel, die dort Zwischenstops einlegen, ist es allerdings auch ein „Weltkulturerbe“, das nicht sehr viel mit ursprünglicher Natur zu tun hat (auch wenn die z.T. extensive Bewirtschaftung auf ungeübte Augen einen anderen Eindruck erwecken mag).

    Die für mein Empfinden grausame Realität der „Nutztierhaltung“ wurde uns an einem Morgen, als wir einfach ein schönes Plätzchen am Strand gesucht haben, um dort einen Kaffee zu trinken, vor Augen geführt: Wir sind zufällig Zeugen des Abtransportes von Kälbern geworden, die vorher mit ihren Müttern auf den riesigen Weiden gelebt hatten. Ein junger Bauer hat sie mit Heu und Rufen in ein Gatter gelockt, in das sie eifrig-vertrauensvoll zum Fressen gelaufen sind. Zwei zwischenzeitlich in einem „Nahrungsmitteltransporter“ dazugekommene Männer haben dann geholfen, die Jungtiere von ihren Müttern zu trennen und in den Transporter zu treiben.

    Von unserer entfernten Position aus schien es nicht, als wĂĽrden sie auf viel Gegenwehr stoĂźen. Aber noch lange, nachdem sie abgefahren waren, haben die KĂĽhe laut gerufen, und sie kamen alle noch einmal zurĂĽck zum leeren Gatter, nachdem sie ein erstes Mal in ihrer Gruppe davongetrottet waren.

    Es fällt mir schwer zu glauben, dass es die Aufgabe oder das Recht des Menschen ist, Tiere für seine Zwecke zu züchten und selektiv zu töten. Aber deshalb gehören zu meiner Vorstellung von einem „primitiven“ Leben auch keine „Nutz-“, geschweige denn „Haustiere“ (außer vielleicht denen, die sich auch ohne Einladung entscheiden, Wohnräume zu besiedeln, und sich dabei als nützlich erweisen).

    Auch an die herbstlich-bunte Pflanzen- und Vogelwelt werde ich bestimmt noch öfters zurückdenken: An Gänse, Kormorane, Kraniche, Reiher, Spechte, Möwen und vor allem die Goldhähnchen, die uns fast überall begleitet haben.

    An die anderen Tiere, die unsere Wege gekreuzt haben: Schafe, KĂĽhe, Rehe, Damwild; Libellen, Schmetterlinge und Spinnen bzw. deren Netze.

    An besondere, menschengeschaffene Orte wie einen Autofriedhof, das Geburtshaus des schwedischen Dichters Stagnelius, das uns zu einer Kaffeepause verlockt hat, als wir an dem einladenden Gartencafé vorbeikamen, das dort heute im Rahmen eines Kulturzentrums betrieben wird; an Kurt Tucholskys Grab in Mariefred, an Runensteine mit ihren alten Geschichten oder an „Mormors Bakeri“, wo auch reine „Pflanzenfresser“ wie wir am vegetarischen Buffet satt werden und wo sogar zum Teil vegan gebacken wird (so dass wir uns mal überraschend an Schoko- und Apfelkuchen erfreuen konnten).

    An das postbotenfreundliche Briefkastensystem sowie die verbreiteten „Einrichtungen“ für Radfahrer und Radfahrerinnen oder Grillbegeisterte.

    An die alltäglichen Spuren von „Snus“ in der Umwelt, bei denen ich mir nicht vorstellen kann, dass sie – wie (natĂĽrlich wissenschaftlich begrĂĽndet …) behauptet wird – weniger schädlich sind als die des Rauchens, werde ich dagegen hoffentlich nicht so schnell oder oft wieder erinnert.

    Trotz der vielfältigen Naturbegegnungen bzw. RĂĽckzugsmöglichkeiten von der Zivilisation und der Begegnungen mit Menschen, – wie Lukas, der mit einem 30kg-Rucksack zu FuĂź unterwegs war, oder vielen anderen, die ihre Zelte in der Natur aufgeschlagen haben, und ökologisch arbeitenden Hofbetreiber und -betreiberinnen – die ich als naturverbunden bezeichnen wĂĽrde, habe ich SĂĽdschweden alles andere als „ursprĂĽnglich“ empfunden (aber stattdessen fĂĽr sehr geeignet, um eine Reise zu starten, die getreu ihrem Motto im besten Fall dorthin zurĂĽck fĂĽhrt).

    Dass Menschen trotz der „fortschrittlichen“ Bestrebungen in vieler Hinsicht z.B. auf einen schwedischen Bauern- und WiderstandsfĂĽhrer (gegen König Gustav Wasa) – Nils Dacke – aufmerksam gemacht werden, habe ich zum Abschluss Dank der nach ihm benannten Fähre – von Karlshamn ĂĽber Trelleborg nach TravemĂĽnde – noch festgestellt (und dazu noch ein wenig ĂĽber die Geschichte des Landes gelernt).

    Ob das „richtige“ Schweden – wie zwei langjährige Schwedenreisende behauptet haben – auch für uns erst oberhalb der großen Seen Vättern und Vänern, fenab des Bullerbü-Syndroms, im Land der Sámi, beginnt, werden wir vielleicht nächstes Jahr herausfinden können (wenn wir gerne zurückkommen würden, um den Sommer in Norwegen zu verbringen).

  • (Wieder) Tage bzw. Nächte an einem See

    (Wieder) Tage bzw. Nächte an einem See

    Nach zwei Tagen „Campingplatzsstress“ bzw. „-programm“ wie Duschen (und in der Baltischen See baden sowie joggen gehen), Wäsche waschen, Wassertanks fĂĽllen, Grauwasser und (Trenn-)Toilette leeren, Geschirr mal wieder mit heiĂźem Wasser spĂĽlen usw. hatten wir beide wieder mehr Lust auf „weniger zu tun“ an einsameren Stellplätzen.

    Auch die „offiziellen“ Campingplätze leeren sich zwar – nach Ende der Sommerferien in Schweden und anderen Ländern – zusehends (schon öfters hatten wir einen Stell-/Wanderparkplatz ganz fĂĽr unseren Bus alleine oder mussten ihn nur mit ein oder zwei anderen Wagen mit Campern und Camperinnen teilen) und sind dadurch fĂĽr unsere AnsprĂĽche relativ angenehme Aufenthaltsorte; aber wir nutzen sie trotzdem eher ungern. Um uns nicht zu sehr an deren „Infrastruktur“zu gewöhnen und stattdessen mit begrenzten Ressourcen (und dafĂĽr mit Hilfe natĂĽrlicher Gegebenheiten) klarzukommen, ist – solange wir noch genĂĽgend Wasser und (Solar-)Strom oder die Sonne am Himmel haben – ein „freier Stellplatz“ eigentlich immer unsere erste Wahl.
    Ich wäre allerdings – ohne das Gespräch mit einem kajakbegeisterten Paar (auf einem Campingplatz!) – z.B. nie auf die Idee gekommen, mit Meerwasser zu kochen (und mir auf diese Weise sogar die Salzzugabe zu sparen).
    Bisher sind wir glĂĽcklicherweise nicht in die Bedrängnis gekommen, dass unsere Kanister ohne Aussicht auf frisches Trinkwasser leer geworden wären (so dass wir uns sogar den „Luxus“ gönnen konnten, es zum GeschirrspĂĽlen zu nutzen).

    Jedenfalls hatten wir uns die gut 250 Kilometer vom SkärgĂĄrdsbyn S:t Anna, einem Archipel von Schären, fĂĽr die Schweden so bekannt ist (bzw. vom Källbukten Campingplatz, von dem ich anfangs geschrieben hatte), bis nach Ă–land, unserem fĂĽr Mittwoch angedachten Ziel, auf zwei Etappen aufgeteilt. Wenn man in einem Bus gemĂĽtlich reisen möchte – auch ĂĽber NebenstraĂźen oder Schotterpisten und Waldwege und mit genĂĽgend Pausen (um den Kopf von den schnell vorbeiziehenden EindrĂĽcken und Beine oder Becken und RĂĽcken vom langem Herumsitzen zu erholen), können 100 Kilometer an einem Tag schon zu viel sein.

    Wir hatten uns – wie schon öfters – eine Parkmöglichkeit an einem (Wald-)See (dem Hjorten) gewählt. Diese lag zwar direkt neben einer StraĂźe; aber da bis zum nächsten Morgen höchstens eine Handvoll Autos und nicht bedeutend mehr (Hunde-)Spaziergänger- und Joggerinnen vorbeikamen, war es trotzdem gefĂĽhlt eine Nacht in der Natur.

    Zum „ersten FrĂĽhstĂĽck“ brauchen wir beide noch keine feste Nahrung, und um dort auf den 1. Hunger zu warten, war uns der Platz am See dann doch nicht einladend genug. Also sind wir relativ frĂĽh Richtung Kalmar bzw. Ă–land-Erkundung aufgebrochen.
    Unser Tagesziel haben wir allerdings – nach einer ziemlich anstrengenden, kurvenreichen, Fahrt ĂĽber NebenstraĂźen, und weil uns bis dahin auĂźerdem kein Platz fĂĽr unser zweites FrĂĽhstĂĽck zugesagt hatte, kurzentschlossen geändert: Dahingehend, uns lieber gleich einen neuen Stellplatz zu suchen, an dem wir uns – mit schöner Aussicht aus unserem Bus und am Besten mit frisch (baum-)gereinigter Luft – in Ruhe einen Nachmittag und Abend lang mit Schreiben bzw. Foto-, Video- und anderer Computerarbeit beschäftigen könnten…

    Wir sind also einem Hinweis auf einen Angelsee „am A… der Welt“ nachgegangen und haben eine Nacht an einem der traumhaftesten Stell- bzw. Grillplätze unserer bisherigen Reise – etwa 20 km von Oskarshamn entfernt – zugebracht:
    Zur Erholung vom längeren Sitzen gab es einen ( 2 bis höchstens 3 Kilometer langen?) Pfad um den See herum, gesäumt von einem traumhaft wilden, „unaufgeräumten“ Mischwald: mit unzähligen Felsbrocken, Farnen, Moosen, Spinnennetzen…. Auf der die meiste Zeit ĂĽber spiegelglatten Wasseroberfläche konnten wir uns von unzähligen kleinen bis riesigen Wellen(kreis)mustern hypnotisieren lassen, die von Wasserläufern und (jagenden?) Ringelnattern verursacht wurden. Die Stille wurde nur von Vogelgesang (oder auch mal -gekreische), einem Flugzeug und ein wenig Geplätscher von den Angelstegen, springenden Fischen und den schwimmenden Ringelnattern unterbrochen. AuĂźer uns waren dort während des gesamten Nachmittags/Abends und bis zum nächsten Morgen nur: ein Angler auf der anderen Seite des Sees (der aber vor uns geparkt hatte, so dass wir uns auch kurz mit ihm unterhalten haben, nachdem er uns– auf Deutsch – angesprochen hat); ein Mann, der die öffentliche Sitzgelegenheit fĂĽr eine Mittagspause genutzt zu haben scheint; eine Frau, die ihren Hundewelpen dort spazieren gefĂĽhrt hat, und vielleicht zwei oder drei vorbeifahrende Autos.

    Die Schreibarbeit habe ich dann aber doch erst einmal aufschieden „mĂĽssen“: weil wir aufgrund unserer spontanen Routenänderung noch nicht eingekauft hatten, hieĂź es fĂĽr mich nach der Ankunft und unserem „Mittagessen“ erst einmal: (Sauer-)Teig fĂĽr Pfannenbrote vorbereiten und aus den Kohl- und Möhrenresten im KĂĽhlschrank einen Salat machen.

    Außerdem habe ich angefangen, mich mit der schwedischen Vogelwelt (die sich bisher kaum von der unterscheidet, die ich aus dem Taunus und meinem bisherigen Leben oder Urlauben in Detuschland kenne) bzw. mit dem mitgenommenen Fernglas zu beschäftigen. Die letzten etwa 2 Jahrzehnte lang habe ich in erster Linie eine Lupe benutzt, um die Natur bzw. in erster Linie die Pflanzenwelt um mich herum zu erkunden. Nach unserer Runde um den See haben also ständig neue, für mich plötzlich interessant klingende „Stimmen“ oder vielmehr Töne und Gesänge meine Aufmerksamkeit geweckt und mich davon abgehalten, wenigstens wieder ein paar Eindrücke aus den ersten Wochen unserer Schwedenexpedition in Textform zu bringen.
    Aber wir haben unsere Reise ja gerade erst begonnen, und es werden bestimmt noch viele lange oder vielleicht eher kurze Tage kommen, an denen wir viel Zeit im Bus verbringen können, ohne draußen viel zu verpassen, so dass ich vielleicht alles nachholen kann, was ich gerade noch nicht schaffe.

  • (SĂĽd-)Schweden, wir sind endlich da

    (SĂĽd-)Schweden, wir sind endlich da

    Nachdem ich schon vier Wochen damit verbracht habe, mir zu überlegen, wie ich den Einstieg in unseren Blog formulieren kann – wie wir endlich gestartet sind, warum eigentlich „back to primitive“, also mit welchen (Ziel-)Vorstellungen bzw. wohin genau u.ä. – und gleichzeitig nie lange genug Zeit und Muße gefunden haben, einen fertigen Text daraus zu machen, hat Mathias zum Glück den Anfang gemacht.

    Ich ringe weiterhin um jeden Satz, weil meine Wissenschaftlerinnen-Seele sich noch gar nicht bereit dazu fĂĽhlt, Erkenntnisse mit der Welt zu teilen. Ich bin sozusagen noch in der Datensammelphase… Aber da ich ja kein gut durchdachtes wissenschaftliches Pamphlet abzuliefern habe, sondern weiĂź, dass viele Menschen einfach nur darauf warten zu erfahren, wo wir uns gerade aufhalten, was wir dort so treiben oder ob wir dort vielleicht sogar am Liebsten bleiben wĂĽrden,und dazu gerne – vor allem Mathias’ – Bilder sehen möchten, fange ich vielleicht einfach mal bei den ersten EindrĂĽcken an, die Schweden auf mich gemacht hat:

    Erst einmal hatte ich den Eindruck, dass es eine gute Idee gewesen wäre, mich zumindest so viel mit der schwedischen (oder – da wir den Weg ĂĽber die BrĂĽcke von Kopenhagen gewählt und vorher eine Nacht auf einem Campingplatz in Haderslev verbracht haben – auch dänischen) Sprache zu beschäftigen, dass mich nicht schon die StraĂźenbeschilderung am GrenzĂĽbergang völlig ĂĽberfordert hätte… Auch wenn ich nicht gefahren bin (und Mathias ganz souverän einfach einem anderen Camper gefolgt ist, der ihn irgendwie seitlich umfahren hat), fĂĽhle ich mich auch als Beifahrerin verpflichtet, die Augen möglichst offen zu halten (um eventuell zur Wegfindung beitragen zu können).

    Wir scheinen aber bisher – vor allem Dank der Englisch- und auch Deutschkenntisse vieler Schweden sowie (leider auch…) mit Hilfe der modernen Technik/KI – alles Wichtige verstanden zu haben. Wir sind immer ĂĽberall angekommen, wo wir hinwollten, und haben sogar Konfliktsituationen (bei fälschlicherweise zu hohen Rechnungsbeträgen, die wir zahlen sollten bzw. sogar schon bezahlt hatten) friedlich lösen können.

    Gestern wurde mir ohnehin aus erster Hand, also eigenen Erfahrungen von einer Deutschen berichtet, dass es viel mehr Sinn machen würde, Norwegisch zu lernen: Das wäre im Vergleich zum Schwedischen einfacher und würde zudem sowohl in Schweden als auch in Dänemark und Finnland gut verstanden werden.

    Sobald also unser neues Leben in einem Bus und an ständig wechselnden Standorten ein bisschen mehr zur Routine geworden ist, so dass ich nicht mehr so lange überlegen muss, ob ich an alles gedacht habe, also mein Geist etwas freier dafür ist oder geübter darin wird, (noch mehr) Neues aufzunehmen (und sich auch zu behalten!), werde ich mich vielleicht nicht nur ans Spanisch-, sondern auch ans Norwegisch-Lernen machen.

    Aktuell bin ich – gefĂĽhlt – die meiste Zeit des Tages mit unserer (oder zum Teil auch nur meiner …) Nahrungsbeschaffung und -zubereitung sowie hinterher mit der Beseitigung der Spuren unserer Mahlzeiten im Bus beschäftigt.

    Wir haben zwar im Prinzip in Form von getrockneten oder anders konservierten Lebenmitteln genug zum Essen dabei; aber irgendwas Frisches (oder frisch Gebackenes) zu konsumieren (bzw. zu suchen/finden oder selbst zu produzieren) ist mir einfach ein tägliches Anliegen. Allerdings kostet es mich hier- aufgrund meiner strengen Auswahlkriterien – noch mehr Zeit (und kontraproduktiverweise auch Energie), als schon in Deutschland: möglichst regionales, umwelt-, tier- und pflanzenfreundlich/ökologisch angebautes Obst und GemĂĽse, das nicht in Plastik verpackt ist, ist in den Supermärkten kaum zu finden. Und die verbreiteten GĂĄrdsbutiken – Hofläden oder Selbstbedienungsstände – haben wir noch kaum genutzt, weil sie uns im Vorbeifahren zu spät aufgefallen sind oder man dort nur mit Swish, einem „mobilen Zahlungssystem“ fĂĽr Menschen mit schwedischem Bankkonto zahlen kann.
    Wer wie wir außerdem „gutes“ deutsches Brot, also Roggen(sauerteig)brot liebt bzw. im Prinzip in den eigenen täglichen Speiseplan integriert hat, hat in Schweden ein zusätzliches Problem, „mal schnell“ mit etwas ähnlich Nahrhaftem satt zu werden. Und als ob das nicht schon genug „Nahrungsmittelumstellungsstress“ wäre (vor allem für Mathias, weil ich mich notfalls auch mit Margarine und Salz, eventuell auch selbstgesammeltem Löwenzahn, Sauerampfer o.ä. zufrieden gebe, und mich ansonsten mit Blaubeeren und Äpfeln, die ich mir bisher an vielen Orten einfach sammeln konnte, über ein Brot hinwegtröste), scheinen sich – trotz verbreiteter veganer Produkte – pflanzliche Brotaufstriche gar nicht und Schokocremes auf rein pflanzlicher Basis (fast) nur von Nutella/Ferrero (die Mathias kategorisch ablehnt) sowie Sojajoghurt(becher) aus welchem Grund auch so gut wie gar nicht oder zumindest nur zu horrenden Preisen zu verkaufen. Jedenfalls kommt hier zu unserem freiwilligen Verzicht auf viele industriell hergestellten Produkte auch noch ein unfreiwilliger.

    Ich habe mich riesig gefreut, als ich ein Ökodorf im Södermanland (das auf unserem Weg lag) ausfindig gemacht habe – Charlottendal in Järna – und noch mehr darüber, dass wir dort mit Rüdie eine Nacht auf einer Waldwiese neben einem Einsiedler in seinem Bauwagen stehen durften.

    Leider werden dort nicht genügend Gartenerträge erzeugt, um sie zu verkaufen. Aber Järna hat sowohl einen Bioladen (mit unverpackt-Regalen) sowie eine Mühle mit (Sauerteig-)Brotverkauf (seeeehr lecker!) und in der Umgebung diverse anthroposophisch, also an der Lehre Rudolf Steiners ausgerichtete Bildungsstätten zu bieten, so dass der „biodynamische (Demeter-) Landbau sehr verbreitet scheint. Allerdings wir uns wahrscheinlich schnell keinen Sprit mehr leisten, um dort wieder wegzukommen, wenn wir darauf angewiesen wären, nur dort einzukaufen.

    Dann doch lieber weiterhin so oft wie möglich Beeren und Ă„pfel sammeln (und vielleicht doch auch mal gezielt Pilze – Pfifferlinge, Steinpilze u.ä. – suchen gehen?), mit erschwinglichem Weizenmehl Pfannkuchen damit backen und Roggenmehl fĂĽr Experimente mit unserem eigenen Sauerteig nutzen (in unserem Multikocher, der auch backen können soll, aber aus meinen bisher hergestellten Teiglingen kein uns zufriedenstellendes Ergebnis geliefert hat…). Solange wir genug Sonnenenergie tanken können oder beim Fahren Strom produzieren, gibt’s fĂĽr Mathias wenigstens – statt seiner geliebten fruchtigen Sorten – öfters mal selbstgemachten Natursojaghurt (der sich – wie wir seit gestern wissen – auch aus schwedischer Sojamilch herstellen lässt).

    Zu einem „neuen Leben“ gehören wahrscheinlich auch einfach neue Essgewohnheiten.

  • Es geht los … unsere Reise beginnt

    Erst wartet man so lange auf diesen Moment und dann geht es auf einmal viel zu schnell. So ungefähr könnten wir unsere Abreise beschreiben. Ja, wir sind jetzt wirklich unterwegs … fĂĽr alle, die nicht mehr daran geglaubt haben. Nachdem unsere Hausauflösung abgeschlossen war, ich mich bei der Gemeinde abgemeldet habe und wir noch ein paar andere Erledigungen getätigt hatten, sind wir am 04. August nach Schweden aufgebrochen!

    Irgendwie fallen einem am Ende doch noch 1000 Dinge ein, die erledigt werden wollen, und so ist der Montag ziemlich wie im Flug vergangen und wir sind erst am späten Abend endlich aufgebrochen, auf unsere Reise oder auch unser neues Leben genannt. Unser erstes Ziel hab ich ja schon oben verraten. Erstmal nach Schweden, Freunde besuchen. Mit einer Nacht irgendwo im Ruhrpott auf einem Friedhofsparkplatz und noch einem Stopp in Dänemark, sind wir dann am Mittwoch am Ziel angekommen.

    Jetzt erstmal durchatmen. Und da waren wir genau am richtigen Ort. Weit weg von großen Städten, umgeben von Wald. Dazu gute Freunde und mal wieder die Zeit, einen Spaziergang ganz unbeschwert zu geniessen. Es gab zwar noch ein paar Dinge, die noch zu erledigen waren, damit wir wirklich abschließen können mit dem, was wir zurückgelassen haben, aber auch dazu war Zeit, ohne das Gefühl keine Zeit für sich zu haben. Ich kann es jetzt gerade nur aus meiner Perspektive sagen (die Zeilen hier schreibt übrigens Mathias) aber die ersten Tage waren wie in einer Zwischenwelt. Irgendwie hat man den Druck der letzten Monate noch auf den Schultern gespürt, obwohl man genau wusste, dass er nicht mehr da ist.

    Aber hier soll unser Abenteuer erst beginnen. Ihr hört mehr von uns die nächsten Tage – wieviele es werden, kann man noch nicht sagen ;-).