Fast zwei Monate lang durften wir erleben, wie es ist, wenn die Sonne nie unter- und wieder aufgeht, sondern einfach nur ab- und wieder aufsteigt. Es erschien mir anfangs verlockend,nicht mehr bedenken zu müssen, ob es für irgendeine unserer geplanten Aktivitäten zu dunkel werden könnte. Allerdings hat sich die ständige Helligkeit bei relativ niedrigen Temperaturen und viel Regen als äußerst ermüdend für meinen Organismus herausgestellt. Nur wenige Ziele, die ausschließlich zu Fuß erreichbar waren, haben meine Unternehmungslust geweckt und auch Mathias zum Wandern animiert.
Da er statt seiner Füße viel lieber – auf der Suche nach Fotomotiven – seine‘ wachsamen Augen bewegt, hat er während unserer Fahrt nach Lappland den Hinweis auf eine kostenlose Fotoausstellung in Jokkmokk wahrgenommen. So haben wir an einem Regentag etwas Zeit damit verbracht, uns in einem Kulturhaus, in dem auch von Sámi – „Sumpfleuten“ – produzierte Waren zum Verkauf angeboten werden, darauf einzustimmen, was uns in den folgenden Wochen innerhalb des Polarkreises erwarten könnte. Ich habe dort die Gelegenheit genutzt, unseren Vorratsschrank mit getrockneten Trompetenpfifferlingen auszurüsten – um die Zeit zu überbrücken, bis ich selbst die ersten frischen Pilze finden würde. Ansonsten hatten wir auf unserem Weg durch die Mitte und entlang der Ostküste Schwedens Richtung Norden und Nordwesten zum Glück immer wieder Stellplätze, an denen es in unmittelbarer Nähe oder sogar aus dem Bus heraus viel zu sehen gab, so dass uns auch in unserem kleinen Zuhause nicht mit der Zeit die Decke auf den Kopf gefallen ist. Viele weitere Bilder hat Mathias wie immer in seinem Fotoarchiv veröffentlicht!
Außerdem fällt mir zur Beschäftigung notfalls immer etwas ein, was ich aus dem fabrizieren könnte, was mein Sammelsurium an Lebensmittelvorräten – nach Erkundungstouren in die Natur oder nach Einkäufen mit meist eher mäßigem Erfolg, was am Ende die Auswahl betrifft – so hergibt. Ich koche ziemlich häufig Tee und habe meine Küchenaktivitäten auf die Produktion von Kuchen bzw. Bananenbrot, Hafertortillas und Muffins ausgeweitet. Dadurch dass ich jetzt des Öfteren nicht nur Brot backe, können wir immer mal wieder zur täglichen Fika nicht nur wie bisher Kaffee trinken, sondern uns – schwedentypisch – auch ein süßes Gebäck dazu gönnen.
Der Anblick moosbewachsener Felsen und Waldböden, von alten, knorrigen Bäumen und unfassbar stillen oder in vielfältiger Weise bewegten Gewässern, die Schwedens Landschaften prägen, war dieses Jahr für mich zwar kein neuer mehr, aber auch das Wiedersehen hatte seinen eigenen Reiz.
Im Norden hat sich Schweden aufgrund seiner spärlichen Besiedlung noch natürlicher und von seiner bergigen Seite gezeigt. Unsere ersten Rentieren sind wir fast genau auf Höhe des Polarkreises, auf dem Weg in den Muddus-Nationalpark, begegnet (wo Mathias dann ein paar weitere fotografieren konnte).
Zum Gipfel des mit etwas über 2000 Metern höchsten Gipfels, des Kebnekaise, haben wir es zwar nicht geschafft, dafür zur Mitternachtssonne bis über die Baumgrenze des 800 Meter hohen Dundret.
Die letzten Tage, bevor wir die Grenze nach Norwegen überquert haben, haben wir im und am Abisko Nationalpark verbracht. Dort ist für uns einiges, was wir uns gerne angeschaut hätten, nicht in den dortigen Canyon, aber dennoch ins Wasser gefallen. Wenigstens die Wanderung durchs moorige Kärkevagge-Tal zum Trollsjön, der als der klarste und sauberste See Schwedens gilt, konnten wir einigermaßen trockenen Fußes unternehmen.
Ich bin jedenfalls froh, dass wir mittlerweile den Polarkreis wieder verlassen haben (und uns entlang der Westküste Norwegens nach Süden fortbewegen). Eine Welt, in der es zum Überleben gehört, Ren- oder andere Tiere zu halten und zu töten, entspricht definitiv nicht meiner Wunschvorstellungung von der, in der ich zukünftig gerne leben würde. Immerhin habe ich ein neues Wort gelernt, das mir bestimmt in Erinnerung bleiben wird, nachdem ich ein wenig dazu recherchiert habe: Goahti, die traditionelle, meist aus Birkenstämmen und -rinde sowie Grasnarben oder auch anderen verfügbaren Ressourcen gefertigte Behausung der Sámi. Ich beschränke längere Aufenthalte allerdings lieber auf Gegenden,in denen die Böden weniger kalt und feucht sind, die Luft wenigstens im Sommer warm genug, um ohne Kleidung nicht zu frieren und die Nächte zeitweise so lau und dunkel, dass man nicht immer ein wärmendes Feuer braucht, sondern damit Vorlieb nehmen kann, dadurch einfach die Dunkelheit ein wenig zu erhellen.
Die Erfahrungen, die ich in den letzten Wochen auf unserer Reise in den Norden Schwedens und weiter nach Norwegen machen durfte und die neuen Kennt- und Erkenntnisse, die ich dabei gewonnen habe, möchte ich trotzdem nicht missen. Durch unsere Einkaufs- und/oder Tankstops weiß ich jetzt, z.B. dass nicht nur Rodin eine Denker-Skulpur geschaffen hat, sondern Den tänkande samen, ein denkender Sami, vor dem Rathaus Gällivares Wahrzeichen ist, oder dass in der Gegend um diese arktische Stadt eine genetisch bedingte Schmerzunempfindlichkeit gehäuft vorkommt – wenig überraschend, wenn man bei 10°C und Nieselregen Menschen in kurzen Hosen und T-Shirts oder Sommerkleidern beim gemütlichen Spaziergang beobachten kann. Auch kaum überraschend, aber doch erstaunlich finde ich den – zumindest teilweisen – „Umzug“ einer ganzen Stadt, Kiruna, aufgrund ihrer reichen Bodenschätze bzw. ihrer Abhängigkeit vom Erzabbau um 5 km nach Osten, finanziert vom Betreiber des Bergwerks, LKAB.
Es gäbe noch viel zu berichten von Schweden, und wir werden voraussichtlich bald noch einmal dorthin zurückkehren, um die einzigartige Vildmarksvägen zu befahren. Ich hoffe darauf, dass sie ähnliche kostenlose, öffentliche Toilettenhäuschen für uns bereithält, wie wir sie an vielen Stellen im Land – eines sogar mit wunderschönem Panoramablick – vorgefunden haben. Kein anderes Land unserer bisherigen Reise kann damit mithalten.


























