Ein Jahr sind wir nun schon unterwegs. Kaum zu glauben, wie viele neue Orte wir seitdem für uns entdeckt haben. Trotzdem ist es uns – von ein paar wenigen abgesehen, an denen wir uns gleichzeitig von tollen Menschen verabschieden musstgen – sehr leichtgefallen, immer wieder aufzubrechen und weiterzufahren. Auch vom wunderschönen Norden Schwedens hat uns die Aussicht auf Norwegens Wildnis – auf höhere Berge und Wasserfälle, tiefere Fjorde, größere, über eine Vielzahl von Brücken, Tunneln oder Fähren verbundene Inseln – weggezogen.
Den Juli haben wir in den norwegischen Provinzen Nordland und Troms verbracht, im 16. und vermutlich letzten Land unserer Europatour. Nach einem letzten Einkaufsstop in Schweden und einer Autowäsche in Narvik sowie der Durchquerung der ersten – kostenpflichtigen – Tunnel haben wir uns am Rombaken auf Fjordlandschaften bzw. die Inseln, auf denen wir anschließend gelandet sind, eingestimmt. Damit, dass das eigene Fahrzeug auf einigen Straßen, Brücken oder bei der Durchfahrt eines Tunnels mit automatischer Nummernerkennung erfasst und man hinterher zur Kasse gebeten wird, kann man sich übrigens nur abfinden – wenn man sich nicht die Zeit nehmen möchte, die eigene Streckenplanung danach auszurichten, dies zu vermeiden, und eventuell Orte auszulassen, die man eigentlich anfahren wollte.
Vom Rombaksfjord aus, wo ganz in unserer Nähe 1940 einer der deutschen Zerstörer – genannt Georg Thiele – während der Besetzung Norwegens bzw. des Kampfes um Narvik auf Grund ging und heute noch aus dem Wasser ragt, sind wir nach Senja gefahren. Die in der Provinz Troms gelegene, zweitgrößte Insel des Landes ist eine mittlerweile sehr beliebte Alternative zu den teilweise ziemlich von Reisenden überfluteten Lofoten-Inseln, aber daher auch kein Geheimtipp für Menschen mehr, die es vorziehen, überlaufene touristische Ziele zu meiden.
Wir haben trotzdem immer wieder Stellplätze für uns ganz alleine ergattert, auch wenn die nächste Straße meist in Sicht- oder zumindest Hörweite lag.
Senja wird – auf Grund ihrer Vielfältigkeit – unter anderem als Miniaturausgabe Norwegens beschrieben: mit sanften Hügelketten zwischen hohen, steilen und schroffen Felsen, reißenden oder friedlich dahinplätschernden Flüssen und zahllosen Wasserfällen, malerischen Seen und Moorlandschaften, weißen Sandstränden, Fischerdörfern. Uns haben in den zehn Tagen, die wir dort verbracht haben, einige Orte – leider abgesehen von den herrschenden Temperaturen – an die Bergnebelwälder tropischer Gegenden erinnert.
Wir sind froh, dass wir einige sonnige Stunden abpassen konnten, um auch Blicke von oben auf das Inselreich erhaschen zu können, indem wir Wanderungen unternommen haben: zum Arnakken, zur Mitternachtssonne auf dem Hesten (mit Blick auf den Segla) und zum Husfjellet, den wir allerdings nicht erreicht haben, weil uns der Aufstieg nach etwa der Hälfte, ab Sommardalhaugen, zu matschig-rutschig wurde.
Während der Sommer 2026 in großen Teilen Europas für Hitze und Trockenheit gesorgt hat, war bzw. ist Norwegen immer noch mit überdurchschnittlich starken Regenfällen gesegnet, so dass uns viele Wanderwege einfach abgschreckt haben. Einerseits gehörte die Durchquerung von kleineren Moorwiesen oder ganzen Sumpfgebieten zu fast allen Touren, die wir bei Trockenheit vermutlich gewagt hätten, andererseits haben wir schnell festgestellt, dass auch „leichte“, angeblich familiengeeignete Wanderungen nicht unbedingt durchschnittlichen deutschen (oder hessischen?) Erwartungen bzw. Fitnesslevels entsprechen. Wir könnten zwar noch die eine oder andere Trainingseinheit für Südamerika gebrauchen, nach 12 Monaten ohne Sommerhitze fehlt uns allerdings oft die (Sonnen-?)Energie, jede Chance dazu zu nutzen.
Durch die Begegnung mit einem wanderbegeisterten Deutschen haben wir uns immerhin dazu animieren lassen, doch einen Abstecher über die Lofoten-Inseln zu machen, die wir uns – aufgrund des befürchteten Besucherandrangs – eigentlich ersparen wollten. Also haben wir die Fähre von Gryllefjord nach Andøya und gleichzeitig eine ziemlich stürmische Überfahrt auf die Vesteralen auf uns genommen (um anschließend über die Insel Hinnøya bzw. die Raftsundbrücke weiter in die Lofoten zu fahren).
Eines der Highlights dieser sehr sanften Inselgruppe, deren grün-orange-braungefärbte Moorlandschaften mich abwechselnd an Bilder erinnert haben, die ich von Irland oder aus der Pampa Südamerikas im Kopf habe, sind Papageientaucher. Zehntausende nisten auf Bleiksøya, einem Felsen vor dem Städtchen Bleik. Vom Strand aus konnten wir die an riesige Insektenschwärme erinnernden schwarzen Wolken sehen, die vermutlich auf diese Vögel zurückzuführen waren. Wegen des schlechten Wetters haben wir uns allerdings dagegen entschieden, eine Puffin-(Boot-)Safari mitzumachen und stattdessen dafür, Vesteralen möglichst schnell hinter uns zu lassen und die Lofoten bzw. wieder Nordland anzusteuern.
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