Kategorie: Spanien

  • Fortsetzung: Zurück in Spanien (und auf dem europäischen Festland)

    Um all die Orte genauer zu beschreiben, die wir in den Wochen nach unserem Tag in Tanger – mit dem Bus oder auch zu Fuß – angesteuert haben, brächte ich weitere Wochen. Deshalb müssen ein paar Namen, Stichwörter und Fotos genügen, um nachvollziehen zu können, wie wir uns – mal direkter, mal über Umwege, mal an der Küste entlang, mal weiter im Landesinneren, mal über Serpentinen bergauf und wieder bergab, mal über geradere Landstraßen, die uns dafür mit Kreiseln oder Bodenschwellen ausgebremst haben oder auch mal über Autobahnen – langsam zurück nach Frankreich bewegt haben.

    Ein Zwischenstop bei unserer Fahrt durch die Sierra Bermeja und die glücklicherweise schneefreie Sierra de las Nieves, mit der wir versucht haben, dem Regen an der Küste zu entgehen: der Puerto de Peñas blancas, Es war eine kalte, aber wundervoll stille Nacht, und fast jeder Ausflug in die Berge lohnt sich ohnehin für uns, weil sich meist eine Möglichkeit findet, unsere Tanks mit frischem Bergquellwasser auffüllen.

    Auch am Embalse de Casasola (Almogia) haben wir eine Nacht in himmlischer Ruhe verbracht. Direkt danach haben wir wegen eines Konzertbesuches an einer – glücklicherweise relativ wenig befahrenen – Straße mitten in Malaga geschlafen.

    Statt nach dem Konzert weiterzufahren, haben wir uns wegen der angekündigten Unwetter zurück nach Marbeilla begeben und ein paar Tage in Strandnähe – am Playa de la Vibora (Conjunto White Pearl Beach/Elviria) – verbracht, wo wir unter anderem vegane Paella und Sundowner am Meer genießen konnten. Die Verlockung, mich nicht nur unter die Stranddusche, sondern zur vorherigen Abkühlung sogar kurz ins Meer wagen zu können, hat mich dort sogar mal wieder zu morgendlichen Joggingrunde veranlasst.

    Órgiva, ein Städchen in den Bergen, das – aus welchem Grund auch immer – viele Kunstschaffende und Hippies anzieht, haben wir nur wegen eines Bioladens zum Einkaufen aufgesucht. Es hat sich dann – mit seinem kleinen Mercado Municipal – für uns als Öko- und unverpackt-Einkaufsparadies erwiesen, so dass es mir, auch wenn es nur zwei Fotos vom Parkplatz gibt, auf dem wir übernachtet haben von bestimmt noch lange in Erinnerung bleiben wird.

    Am Embalse de los Bermejales haben wir 3 Tage und Nächte die Ruhe der Natur (bei winterlichen Temperaturen…) genossen und auf besseres Wetter gewartet – um Richtung Sierra Nevada, nach Granada zu fahren.

    Mathias hatte sich gewünscht, Fotos in der Alhmambra machen zu können, auch wenn Ende Januar wahrscheinlich nicht unbedingt der beste Zeitpunkt ist, um auf über 700 m gemütlich durch eine Stadt zu schlendern und in einem Bus zu übernachten. Daher haben wir auf ein kleines Zeitfenster gewartet, in dem in Granada weder Schnee noch Regen oder Sturm angekündigt war. Wir haben dann beschlossen, erst einmal in die – angeblich – einzige Wüste Europas, bei Tavernas, zu fahren, um wenigstens genug Sonne zum Beheizen unseres Busses während der kalten und oft auch sehr stürmischen Stunden der Tage und Nächte tanken zu können.

    Die Sierra Alhamilla, bei Pechina/Almeria, eine beliebte Gegend für Filmdrehs war unser erster Halt.
    Offroad ging es dann durch das vertrockneten Flussbett des Rambla de Gérgal nach Santa Fe de Mondújar, wo ein verlassenes Haus zwischen den Hügeln Windschutz bot.

    In die Alhambra haben wir es tatsächlich ohne Ticketreservierung an einem Samstagmorgen geschafft. Dafür sind wir allerdings schon kurz vor Sonnenaufgang von unserem Stellplatz die 3 Kilometer bis zum Rand von Granadas Stadtzentrum marschiert, wo wir für die letzten Kilometer den Berg hinauf ein Taxi finden konnten.

    Mehr Bilder gibt es wie immer auf Mathias‘ Website.

    Nach den wenigen und ziemlich kalten Stunden in der Stadt, mit Blick auf die verschneiten Gipfel der Sierra Nevada, haben wir trotzdem noch ein paar Tage in den Bergen der Provinz Granadas ausgehalten, weil uns unser Taxifahrer zur Alhambra neugierig auf die Gorafe-Wüste, den Grand Canyon Andalusiens und gleichzeitig eine beliebte Offroadstrecke, gemacht hatte. Wenn uns nicht ein eisiger Wind und morgens sogar ein paar Schneeflocken unseren traumhaften Stellplatz – mit Blick auf das 850 Meter hocn gelegene namensgebende Dorf- leicht vermiest hätten, wären wir bestimmt länger als nur für eine Nacht geblieben.

    Danach waren wir wieder reif für wärmere Temperaturen und Meer. In der Gegend um Almeria bedeutet das leider auch ein Meer aus Plastikgewächshäusern, wovon allerdings das Cabo de Gata einigermaßen verschont ist. Dort haben wir bei Agua Amarga eine Nacht verbracht, bevor wir weiter der Küste entlang zum Cabo Cope, nach Murcia, gefahren sind, in der Hoffnung, dass sie ihrem Namen alle Ehre macht: die Costa calida.

    Wir hatten tatsächlich Glück, und ich habe sogar kurz überlegt, ein Bad im Meer zu nehmen, mich aber dann doch dagegen entschieden. Bevor der nächste Regen angekündigt war, sind wir – mit einem Stop an den Gredas de Bolnuevo, einem als Pilzfelsen bekannten Naturdenkmal, weiter der Küste entlang Richtung Cartagena bzw. Mar Menor gefahren, das ich beim Durchstöbern der Landkarte entdeckt hatte. Der Anblick einer endlosen Reihe von Hochhäusern aus der Ferne hat uns dann allerdings in den Parque Regional Calblanque abdrehen lassen. Weil uns auch dort ein kleiner Spaziergang nicht dazu eingeladen hat, für wenigstens eine Nacht in der Gegend zu bleiben, haben wir uns stattdessen in die Badlands Murcias begeben, nach Gebas und (Los Baños de) Fortuna.

    Weil unsere Wasservorräte mal wieder zur Neige gingen und es uns daher weiter in die Berge zog, bot sich – zusammen mit einer günstigen Wettervorhersage – der Penya Negra bei Crevillent, in der Nachbarregion Valencia, als nächster Stop an. Er hat sich für uns – nicht nur, was die Temperatur und Sonnenstunden betraf – als ein neues landschaftliches Highlight herausgestellt und uns außerdem, aufgrund der guten Fernsicht, auf ein kleines Wasservogelparadies aufmerksam gemacht, in dem wir endlich Flamingos aus der Nähe betrachten konnten: den Parque Natural el Hondo (auf Valencianisch Parc Natural de El Fondo).

    Aufgrund der – zumindest zeitweise – fast frühsommerlichen Temperaturen haben wir einen neuen Versuch gewagt, uns wieder mehr entlang der Küste zu orientieren – dieses Mal der Costa blanca. Wir waren zwar auf große Hotelanlagen und was sonst so mit Massentourismus verbunden ist gefasst; aber mit einem Little Manhattan oder auch New York des Mittelmeeres genannten Ort hatten wir definitiv nicht gerechnet. Fast hätten wir aufgrund des Schocks, den uns die Skyline Benidorms (das mir aus meiner Kindheit noch in vager Urlaubserinnerung war) versetzt hat, als sie in unser Blickfeld gerückt ist, auf den geplanten Besuch des Biosupermarktes verzichtet. Immerhin kam uns dann hinterher das anvisierte Ondara trotz seines riesigen Einkaufszentrums nicht ganz so großstädtisch vor. Es hat uns sogar mit einem gemütlichen (nur leider nicht sehr windgeschützten) Stellplatz zwischen freilaufenden Schafen, Enten, einem Hund und Pferd beschert sowie ein enorm entspannendes, veganes Mittagsmenü in einem kleinen Hotel für Gesundheitsbewusste.

    Früher als gedacht sind wir dann vor angekündigten Stürmen weiter nach Norden und ein Stück weg von der Küste geflüchtet: zum Embassament del Sitjar bzw. el Pla de Culla (nicht weit von Ribesalbes entfernt), wo wir 3 wundervoll ruhige Tage und Nächte am Ufer des Riu Millars verbracht haben. Ich liebe Plätze, an denen ich – zumindest zum Spülen und Waschen – Wasser zur Verfügung habe: Damit gewinnen wir Zeit, bevor wir uns wieder auf die Suche nach Trinkwasser begeben, also aufbrechen müssen.

    Weil wir noch ein paar Tage in der Camargue und außerdem die ersten beiden Märzwochen in der Toscana verbringen wollten (bevor dann einige Termine in Deutschland anstehen), stand für uns allerdings ohnehin fest, dass wir auch Plätze wieder verlassen müssen, an denen wir es problemlos noch länger ausgehalten hätten. Ein weiterer war das Ebrodelta, auf das uns – rechtzeitig, bevor wir vielleicht daran vorbeigefahren wären – ein Freund aufmerksam gemacht hatte. Hier haben wir es tatsächlich mal wieder geschafft, noch vor Sonnenaufgang aufzustehen, um zu einem Vogelbeobachtungspunkt zu fahren und Flamingos sowie andere Wasservögel in der Dämmerung beobachten zu können.

    Mir war auf der Landkarte die Halbinsel Cap de Creus ins Auge gestochen, das mir umso interessanter erschien, als ich davon gelesen hatte, dass es die Bilder Dalis stark beeinflusst hat (weil er in der Gegend aufgewachsen ist). Vorher haben wir – wieder mal, um wärmere Temperaturen abzupassen bzw. mit der Sonne zu reisen – noch eine Nacht am Platja de Pals bei Eels Arenals de Mar, an der Costa Brava; zwischen Begur und l’Estartit) verbracht. Den Komfort, dort einen um die Jahreszeit kostenlosen Stellplatz mit Strandzugang und offenem Toilettenhäuschen mit fließendem Wasser vorzufinden, hatten wir nicht erwartet. Genauso wenig wie ich, dass ich bei einem Morgenspaziergang auf Strände stoßen würde, deren Dünenvegetation sich gerade wieder regenerieren darf, oder auf eine verlassene Sendestation aus der Zeit des kalten Krieges, mit dem zu seiner Zeit möglicherweise leistungsstärksten Kurzwellensender, Radio Liberty.

    Dafür habe ich dann auf den erhofften Besuch des Wochenmarktes in l’Estartit verzichten müssen: wir sind bei einer Runde zu Fuß nur einem im Februar relativ ausgestorben wirkenden Städtchen (mit den vorgelagerten Medas-Inseln und etlichen geschlossenen Geschäften oder Verkausbuden) begegnet. Bevor wir uns dann zur Halbinsel des Cap de Creus begeben haben, haben wir von l’Escala aus noch einen Blick auf die davorliegende Bucht mit dem hübschen Namen Golf de Roses geworfen.

    Von der kurven- und höhenreichen Fahrt in Richtung östlichstem Punkt der Iberischen Halbinsel (und somit auch des spanischen Festlandes), die am Ende auch noch recht eng und steinig wurde,wollten wir uns erst einmal zwei Nächte erholen: an dem abgelegenen, aber doch sehr ungeschützten Plätzchen mit Blick auf Cadaqués, an dem wir gelandet waren. Glücklicherweise fielen die angekündigten Stürme so gut wie aus, so dass meine innere Anspannung irgendwann sogar nachließ. Weil wir von dort zu Fuß keine Erkundungstour starten und unseren Bus währenddessen unbeaufsichtigt stehen lassen wollten, sind wir bis Portlligat gefahren. Dessen außerhalb der Saison kostenlose Parkplätze waren rege von Wohnmobilreisenden besucht, unter die wir uns für eine weitere Nacht gemischt haben.

    Zum Abschied von Spanien und Catalonien hat uns Mathias – auf der leider erfolglosen Suche nach Quellwasser (in der Gegend um das Conjunto monumental de Sant Pere de Rodes) – noch eine traumhafte Aussicht auf den Naturpark des Cap de Creus und die Costa brava beschert.

    Nach dieser vorerst letzten Serpentinenfahrt, auf der es noch steilere Streckenabschnitte gab als Richtung Cadaqués, waren wir – zum harmonischen Ausgleich – mehr als bereit für die flachen Salzseen der Camargue bzw. vorher die Lagunenlandschaft des Étang de Leucate (bei Salses-le-Château). Da wir dort sogar mehr oder weniger in unmittelbarer Nähe zu einigen Flamingos übernachten konnten, habe ich langsam angefangen, mich zu fragen, warum ich in Portugal und Donana noch fast verzweifelt nach ihnen gesucht habe.



  • Wendepunkte II – zurück in Spanien (und Europa)

    Zwei Monate lang haben wir uns in Andalusien vorwärts bewegt oder auch mal gewendet und ein paar Kreise gedreht, nachdem wir Portugal über den Rio Guadiana verlassen hatten – mit dem Gefühl, das uns auch schon nach dem Besuch anderer Orte begleitet hat (auf deren Geschichte/n wir aufmerksam gemacht wurden oder zu denen uns selbst eine eingefallen ist): einen Satz zurück in die Historie der Menschheit gemacht zu haben.

    Spanien hat uns dann damit in die neuzeitliche Realität zurückgeholt, dass unser erster angepeilter Stellplatz von einem Weihnachtsrummel besetzt war. Immerhin haben wir nur dadurch unser Glück in Strandnähe – von La Antilla – versucht. Mittlerweile wissen wir, dass es außerhalb der Saison an vielen Orten unproblematisch ist, auch an von sonne-und-meereshungrigen Menschen begehrten Orten noch einen kostenlosen Stellplatz zu finden; aber an unserem ersten Abend waren wir – nicht nur aufgrund der fortgeschrittenen Uhrzeit – diesbezüglich noch sehr skeptisch. Daher haben wir uns sehr über den begrünten Schotterplatz gleich hinter den Strandbungaloreihen gefreut, an dem wir eine ungestörte Nacht verbringen konnten. Und ich, die ich mich in den Morgenstunde gerne erst einmal draußen bewege, konnte einen unerwarteten Sandstrandspaziergang genießen.

    Auch die Tage danach an der Costa de la Luz, haben wir erst einmal am Strand – von Matalascanas – verbracht. Auf dem Weg dorthin hat uns der Stop an einem Anglersee kurz hinter Huelva zwar nicht den angedachten Stellplatz, mir aber neue Kenntnisse bezüglich der Bereicherung unseres Speiseplans mit Wildpflanzen eingebracht. Dank meiner Neugier, meiner Fähigkeit, auf Dinge, die mich interessieren, einfach mit dem Finger zeigen zu können, meiner Kenntnis des Wortes Entschuldigung im Spanischen und des lateinischen Asparagus konnte ich in Erfahrung bringen, womit sich ein älteres Paar dort gerade beschäftigte: mit dem Sammeln von wildem Spargel. Ein paar Tage danach habe ich den dann bei einem Spaziergang wiedererkannt, so dass ich selbst ein wenig gesammelt habe und wir uns selbst davon überzeugen konnten, dass er leicht angebraten wirklich gut zu unserem Abendessen gepasst hat.

    Unser nächtes Ziel – eines der wenigen, die schon von Anfang unserer Reise an, angedacht waren (weil er Mathias bekannt war)- war der Doñana Nationalpark. Ich habe es mir leider immer noch nicht abgewöhnt, in sogenannten „Schutzgebieten“ von Menschen in Ruhe gelassene Natur zu erwarten… Geradezu schockiert hat mich daher vor allem, dass große Teile militärische Sperrzone sind, deren Umzäunung natürlich auch für viele Tiere ein unüberwindbares Hindernis ist. Dafür wurde an anderen Stellen – mit großen Schneißen durch den Pinienwald – viel Freiraum geschaffen …

    Dass ich immer mehr riesige mit Plastik überspannten Flächen zu Gesicht zu bekommen würde, auf denen – geschützt vor der Natur – Beeren und andere Kulturpflanzen gezogen werden, darauf war ich schon seit Portugal vorbereitet. In einem Nationalpark oder direkt an ihn angrenzend, hatte ich sie allerdings nicht in diesem Ausmaß erwartet.
    Woran ich mich trotzdem gerne erinnern werde, das sind die vielfältigen Begegnungen – mit sehr unterschiedlichen, von der (Neu-)Bebauung und Bewrtschaftung des Gebiets mal mehr, mal weniger betroffenen Menschen, mit verschiedensten Vögeln, Rehen, Kühen, Pferden, Kaninchen – und an das Glück, einen wirklich ortsverbundenen, nämlich dort großgewordenen Guide bekommen zu haben, der uns bei einer Tour Informationen aus erster Hand über die Veränderungen in den letzten Jahrzehnten liefern konnte, haben . Laut ihm sagen viele ältere Menschen, dass Doñana, das 1969 bzw. 1978 zum Nationalpark erklärt wurde, heute tot sei. Wer weiß, wer oder was in weiteren 50 Jahren dort leben wird?

    Weil Sevilla und Jerez de la Frontera mehr oder weniger auf unserer Strecke lagen, haben wir dann zur Abwechslung ein paar Tage lang Stadtluft geschnuppert, Bioläden, vegane Restaurants und Cafés ausgekundschaftet und uns danach erst einmal erholen müssen. Unser längster Aufenthalt an einem Ort – 17 Nächte etwas außerhalb von Conil de la Frontera, bei einer deutschen Auswandererin, die selbst mehrere Jahre in einem Bus gelebt hat und gereist ist – war fällig. Es war trotz Arbeitseinsatzes (Mathias als Schreiner, ich als Efeupflanzerin und Köchin), mit dem wir uns den Stellplatz, eine Gemeinschaftsküchenmitbenutzung und sogar Saunagänge finanziert haben, einer der bis dato entspanntesten.

    Zu unserem Weihnachtsessen haben wir unsere Gastgeberin eingeladen (so dass wir im Gegenzug eingeladen wurden, es gemeinsam in einem Esszimmer zu genießen statt an einem kleinen Ausziehtisch): selbstgemachte Seitanmedaillons, Kartoffel- und auch meine ersten Süßkartoffelknödel und Rotkohl. Den Silvesteabend haben wir bei seit Längerem fast zum täglichen Programm gehörenden Regen mit allen anderen Angereisten – zu Elft – in einem kurzfristig aufgebauten Pavillion verbracht. Sogar eine Feuertonne konnte noch organisert werden, so dass bei den niedrigen Temperaturen niemand frieren musste.

    Kurz vorm Jahreswechsel konnten wir uns dann tatsächlich im Trockenen auf die Dachterasse begeben und um Mitternacht bzw. 3 Minuten nach 0 Uhr (nach dem traditionellen Traubenessen?) ein wenn auch recht spärliches Feuerwerksspektakel über Conil anschauen.
    Der Abschied, nach der Einwehung des von Mathias gefertigten Tisches, ist fast ein bisschen schwer gefallen. Mitgenommen haben wir diverse Tipps für die Weiterreise – Richtung Tarifa – und einige neue Kontaktdaten sowie Gedanken über Möglichkeiten für zukünftige Treffen im Kopf.

    Seit Längerem fahren wir unsere Reisestationen ja eher nach der aktuellen Temperatur und Regenwahrscheinlichkeit bzw. Wettervorhersage an – sozusagen mit der Gunst natürlicher Gegebenheiten – statt nach persönlichem Interesse, Lust und Laune, Willkür oder Intuition. So müssen wir zwar hin und wieder Abstriche machen hinsichtlich der Orte, die wir gerne besucht hätten oder an denen wir gerne länger geblieben wären, landen dafür aber auch an schönen Fleckchen, die wir sonst mit Sicherheit ausgelassen hätten, weil sie unsere Aufmerksamkeit gar nicht auf sich gezogen hätten.

    So haben wir es tatsächlich geschafft, dass uns Tarifa zumindest kurzzeitig ihr sonniges Gesicht gezeigt und hauptsächlich abends und nachts Regen beschert hat.

    Sehr ungemütliche Stunden draußen nutzen wir mittlerweile öfters dazu, unser Bett zur Couch umzubauen und einen – oft standortrelevanten oder sonstwie gerade zu unserer Situation oder aktuellen Fragestellungen passenden- Film zu schauen. An Weihnachten war es z.B. Der Name der Rose, in Tarifa (wegen der Meerenge von Gibraltar) dann Das Boot .

    Um die Folgen ausdauernder, wenn auch hauptsächlich nächtlicher Regengüsse kommen wir so natürlich trotzdem nicht herum: Unser sandiger Stellplatz etwas oberhalb der Innenstadt wurde so aufgeweicht, dass wir beschlossen haben, unsere Abfahrt um einen Tag – zum Abtrocknen des Bodens – zu verschieben und stattdessen für einen Tag den Kontinent zu wechseln. Dadurch konnten wir uns den südlichsten Punkt des europäischen Festlandes, den ich – als nächsten Wendepunkt auf unserer Reise – ansteuern wollte, der aber nicht öffentlich zugänglich ist, sondern nur mit einem gebuchten Guide besucht werden darf, einfach von (Nord-)Afrika aus bzw. auf einer Fährfahrt nach Tanger sowie auf der Rückfahrt noch ein zweites Mal anschauen. Nur auf das Erinnerungsfoto durch eine Fensterscheibe habe ich verzichtet. Dafür gibt es eines von unserem Ausblick beim Sonnenuntergang unserer Ankunfttages.

    Nordafrikas (Alt-)Städte mit ihrem bunten Treiben und Kräuter- oder Gewürzdüften, mit denen wirklich kein europäischer Markt mithalten kann, sind eine ganz besondere Erfahrung. Allerdings habe ich festgestellt, dass mich die überwältigende Vielzahl an „exotischen“ und unzähligen anderen Warenangeboten eher abstößt als begeistert. Mir wurden in den letzten Wochen immer wieder riesige Monokulturenflächen – zur Gewinnung von Zitrusfrüchten, Feigen, Avocados, Mandeln, Haselnüssen, Blattgemüsen, Wein, … vor Augen geführt, mit denen Menschen der Natur so große Erträge wie möglich abgewinnen, egal, ob sie sie eigentlich brauchen bzw. ob es eine Nachfrage danach gibt der nicht. Auch wenn sich – abgesehen von den Verpackungen – das Meiste davon leicht kompostieren und somit in natürliche Kreisläufe zurückführen lässt, frage ich mich, wie viel Platz wir Menschen anderen Arten von Lebewesen – zur natürlichen Regeneration – zurückgeben könnten, wenn wir uns auferlegen würden, nur das zu kultivieren, was wir wirklich ver-brauchen können.

    Wir haben uns jedenfalls keinen Teppich aufschwatzen, sondern nur von einem Händler, der uns auf den Balkon hingewiesen hat, von dem Leonardo di Caprio in einer Filmszene gesprungen ist, INCEPTION als Filmidee in den Kopf setzen lassen. Mit einem Kilo Datteln, Hautöl, einem Frühstück und vor der Rückfahrt in einem winzigkleinen Restaurant noch zu uns genommener Harira, marokkanischenem Tee und Gemüse-Tajine im Magen sind wir ziemlich erschöpft, aber auch zufrieden mit unseren Entscheidungen wieder aufs europäische Festland zurückgekehrt.

  • Von Frankreich über Spanien nach Portugal

    Kürzlich bei Sonnenaufgang – am Embalse de Cáceres, einem Stausee vor der gleichnamigen Stadt, an dessen Ufer wir übernachtet haben – habe ich beschlossen, nicht mehr zu versuchen, die letzten Wochen unserer Reise chronologisch aufzuarbeiten. Ich genieße einfach, unsere Zeit dafür nutzen zu können, die Orte zu erkunden, an denen wir uns für kurze Zeit niederlassen. – Ich denke nämlich, dass es immer einen guten Grund hat, den es zu ergründen gilt, warum man irgendwo landet bzw. warum man sich einen bestimmten Platz zum Übernachten wählt (oder sogar, um dort ein paar Tage zu bleiben). Wenn man allerdings ständig damit beschäftig ist, so viel wie möglich für sich selbst herauszufinden (oder mit Lebensmittelsuche und Zu- oder Vorbereitung…), bleibt am Ende keine Zeit mehr, später auch andere als die, die selbst vor Ort sind, daran teilhaben zu lassen.

    Ich habe mir allerdings fast überall Notizen gemacht, und in meinem Kopf ist bereits eine grobe Ordnung nach Themen – Flora, Fauna, Ökologie, Natur-, Erd-, und/oder Weltgeschichte(n) u.a. – enstanden. Bestimmte Pflanzen, Tiere oder „die“ Menschen, aber auch – damit verbunden oder vielleicht auch gänzlich unabhängig davon – Tektonik, klimatische Veränderungen hinterlassen die unterschiedlichsten, ganz individuellen oder auch gemeinschaftlichen Spuren ihres Daseins. Wenn man wie ich nach (natürlichen) Zyklen Ausschau hält, das heißt nach – ressourcen- und energie- sowie intentionsabhängigen Auf-, Um- und Abbauerscheinungen (Was ist gerade am Entstehen? Was erscheint in „voller Blüte“, auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung? Was scheint eher an einem Endpunkt angelangt zu sein und zu vergehen?) – , lassen sich an vielen Stellen Vergleiche anstellen oder Wiederholungsmuster erkennen.

    Nach der Normandie sind wir jedenfalls in die Bretagne und danach die Atlantikküste hinunter ins Baskenland und anschließen Richtung Westen bis nach Gallizien gefahren. Nach dem ersten Nachtfrost in den Bergen waren wir uns einig darin, möglichst schnell wärmere, südlichere Orte aufzusuchen.
    Mathias hatte sich einen Abstecher in die Extremadura gewünscht, und dort waren noch Tagestemperaturen um die 20 Grad und Nachttemperaturen um die 10 Grad Celsius gemeldet. Daher haben wir beschlossen, nicht gleich weiter nach Portugal, sondern erst dorthin zu fahren: in die „spanische Serengeti“ mit ihren großteils flachen Hügellandschaften und weiten Ebenen bzw. Baumsavannen, sogenannten Dehesas, die das Landschaftsbild bis nach Portugal hinein bestimmen. In Deutschland würde man sie wohl als Hutewälder bezeichnen: naturnah bewirtschaftete, nämlich vom iberischen Schwein sowie Rindern, Schafen oder Ziegen beweidete und dadurch sehr offene, von Unterwuchs freie, plantagenartige (Stein- und Kork-)Eichenwälder oder eher (-)Haine. Es handelt sich hier also – ähnlich wie auf dem schwedischen Öland – um eine alte Kulturlandschaft, nicht um ursprüngliche Natur, die auch ohne menschlichen Einfluss entstanden wäre oder sich aus sich selbst heraus so erhalten könnte. Allerdings ist sie, vor allem, wenn man sie mit den verbreiteten Monokulturen vergleicht, relativ artenreich, insbesondere die Vogelwelt betreffend.

    Da ich ja seit einigen Wochen die Natur um uns herum nicht mehr nur mit einer Taschenlupe „bewaffnet“, sondern auch mit Fernglas und Vogelstimmenapp durchforste, habe ich – neben der Begegnung mit altbekannten Arten – einige persönliche Neuentdeckungen machen können: Rotkehlchen und -schwänzchen, Meisen, Amseln, Tauben, Kleiber, Baumläufer, Gir- und Stieglitz, Zilpzalp u.a. haben uns schon auf der ganzen Reise begleitet; Goldhähnchen erkenne ich seit Schweden, Seidensänger seit Frankreich öfters wieder;, und Samtkopfgrasmücke, Haubenlerche, Blauelster und Iberienraubwürger sowie Gänse- und Mönchsgeier und einige Raubvögel sind in den letzten Tagen, neben diversen Wasservöglen, neu dazugekommen.

    Die Tage in der Extremadura waren für mich – trotz zunehmender Kühle, vor allem am Abend (oder vielleicht auch, weil ich deshalb öfters mit einer Wärmflasche an den Füßen geschlafen habe?) – wirklich sehr entspannend. Ich konnte meinem natürlichen Fortbewegungsdrang (dem zu Fuß) großteils bedenkenlos nachgehen, das heißt mich auch alleine (Mathias ist leider nicht ganz so bewegungsfreudig) in mir unbekanntes Terrain wagen. Sobald ich genug Anhaltspunkte dazu habe, was mich auf einer Erkundungstour erwarten könnte, (und dazu unsere Homebase lange im Blick behalten kann bzw. mir sicher bin, dass ich mich im Notfall auch relativ schnell wieder dorthin zurückbewegen kann), desto weniger Überwindung kostet es mich, die Freiräume draußen zu nutzen. Mir ist nämlich immer bewusst, dass sie natürlich das Revier der unterschiedlichsten Arten von Lebewesen sein können, egal ob ich ihnen gerne begegne oder auch nicht.
    Es kann zwar ein freudiges Ereignis sein, gesetzte (Bewegungs-)Ziele zu erreichen; aber mir persönlich erscheint es erstrebenswerter, auch den Rückweg nach Hause erfolgreich, das heißt für mich möglichst unversehrt zu meistern.

    Meine Knochen, Gelenke, Muskeln etc. und auch mein Gemüt haben es mir gedankt, dass ich mehrere Tage hintereinander zwischen fünf (oder sechs) und 17 Kilometer gelaufen bin. Deshalb kann ich es gerade auch einigermaßen gut – ohne allzu viele Hummeln im Arsch – verkraften, dass wir danach einen langen Fahrtag (nach Sesimbra, auf der Halbinsel von Setubal, in direkter Nähe zu Lissabon) hatten und es seit unserer Ankunft so viel regnet, stürmt und gewittert oder sogar hagelt, dass sogar mich gerade nicht sehr viel nach draußen zieht.
    Es scheint, als hätten wir uns zu einem guten Zeitpunkt entschieden, uns für die nächsten Tage einen zwar windigen, aber mit mehr Komfort ausgestatteten Rückzugsort als die Natur zu wählen, an dem wir ein Badezimmer, Küche, Waschmaschine sowie Trockner und sogar einen Seminar-/Aufenthaltsraum zum Arbeiten nutzen können. Nachdem wir in den letzten Wochen meistens irgendwo frei standen, ohne Camping- oder andere kostenpflichtige Stellplätze nutzen zu müssen, ist es eine schöne Abwechslung für uns, uns etwas Luxus zu gönnen. Genießen können wir das ohnehin immer nur kurzzeitig – bevor es uns wieder „in die Wildnis“ zieht.
    Ich kann mir vorstellen, dass hier – wo es draußen noch weitere Tage so weiter gehen soll und wir uns außerdem die Zeit sparen können, die wir sonst mit der Suche nach einem neuen, möglichst windgeschützten und sonnigen Stellplatz, nach Wasser, nach Einkaufsmöglichkeiten undundund verbringen – noch weitere Texte entstehen werden.

    Wer mehr Fotos sehen möchte, kann gerne unter folgender URL schauen:
    https://natur-highlights.de/Archiv/