Nicht nur die Jahreszahl hat sich kürzlich geändert, auch wir haben eine neue Richtung – gen (Nord-)Osten – eingeschlagen. Der südwestlichste Punkt (Festland-)Europas, in Sagres, hat uns sozusagen keine andere Wahl gelassen, als – entlang der Atlantikküste – „umzukehren“. Der Abschied vom Parque Natural do Sudoeste Alentejano e Costa Vicentina mit seinem Fischerpfad, der Rota Vicentina, an dem wir uns bis dorthin orientiert hatten, ist uns nicht ganz leicht gefallen. Wir haben diesen wunscherschönen Küstenwanderweg, nachdem ich ihn entdeckt hatte, gleich mehrmals angefahren, um wenigstens ein paar kürzere Streckenabschnitte laufen bzw. Parkplätze in seiner Nähe für Übernachtungen nutzen zu können.
Die zum Teil mit Striemen übersäten Felsen haben uns den Begriff windgepeitscht lebhaft vor Augen geführt, so wie die Vegetation (vor allem Eichen oder Pinien und Wacholder zwischen vielen Zwergsträuchern und Polsterpflanzen) den Begriff windgeschoren. Aufgrund unserer mangelhaften Geologiekenntnisse konnten wir leider nur erahnen, welche Geschichten die aufgebrochenen, freiliegenden Strukturen, Schichten und Muster zu erzählen haben.
Mehr Bilder davon finden sich wie immer auf Mathias‘ Website.
Im Gegensatz zur Sandalgarve hat die Felsalgarve zwar nur kleinere Sandbuchten zu bieten, aber die Temperaturen haben ohnehin eher dazu eingeladen, in Bewegung zu bleiben statt sich am Strand niederzulassen.
Der Fischerpfad hat auf jeden Fall dafür gesorgt, dass wir uns von den zivilisationsüberladenen Tagen auf der Península de Setúbal regenerieren konnten und angefangen haben zu verstehen, warum es viele Menschen an dieses Stückchen Erde zieht</p>Die sehr verregneten Novembertagen sind irgendwie – mit viel Zeit für tägliches Orangensammeln und -pressen zum Frühstück, diversen fälligen Aufräum- und Reinigungsarbeiten im Bus sowie Wäschewaschen, Brot backen und vielen kleineren Spaziergängen (zum Müllentsorgen oder Einkaufen) sowie einer größeren, längeren Wanderung (zum Strand von Sesimbra) – wie im Flug vergangen, ohne dass wir das Gefühl hatten, uns dabei erholt zu haben.


Mathias wäre danach am Liebsten sofort aus dem in vielerlei Hinsicht deutlichen Einzugsgebiet Lissabons geflüchtet, ist aber mir zuliebe mit mir noch bis zur Spitze der Halbinsel, dem Cabo Espichel gefahren und hat sich auf weitere zwei Nächten in Fußnähe zu Setubal eingelassen, um mir einen (Einkaufs-)Wunsch zu erfüllen: den Mercado do Livramento, eine historische Markthalle zu besuchen.
Da wir schon den nördlichsten Punkt Spaniens ausgelassen hatten (bevor wir uns Richtung Süden bewegt haben) und auch der nicht weit entfernte westlichste Punkt des europäischen Festlands nicht auf unserer Route lag, wollte ich mir einfach gerne diesen heute immer noch beliebten und an einer äußersten Landspitze gelegenen Pilgerort anschauen, um den sich viele Legenden ranken (und zu dem sich unter dem Stichwort „Cabo Espichel“ ohnehin unzählige Fotos oder andere Informationen finden, so dass es kein Drama ist, dass Mathias sich nicht dazu durchringen konnte, seine Kamera auszupacken). Mein besonderes Interesse galt aber weder dem Leuchtturm noch dem Kloster mit der barocken Wallfahrtskirche Nossa Senhora do Cabo (in dem gerade eine Filmcrew am Werk war), sondern den Dinosaurierfußabdrücken in den Küstenfelsen. Ich kann nicht behaupten, dass sie mich sehr beeindruckt oder – aufgrund der Entfernung – überzeugt hätten; aber die Landschaft (von der es leider keine „professionellen Bilder“ gibt, weil Mathias es vorgezogen hat, „zu Hause“ – im Bus – zu bleiben und auf mich zu warten) war den kleinen Ausflug für mich definitiv wert.
Beim Mercado do Livramento, der vor allem für seinen – angeblich – frischen (und trotzdem zum Himmel stinkenden…) Fisch weltberühmt ist, war ich mir auf meiner Suche nach möglichst pestizid- bzw. schadstoffarmem (Trocken-)Obst und Gemüse, Nüssen, Saaten, Kräutern und Gewürzen dagegen erst einmal nicht so sicher. Ein einziger (Bio-)Unverpackt-Stand, an dem wir unsere mit der Zeit immer leerer gewordenen Vorratsgläser auffüllen konnten, sowie ein kleiner Bioladen in der Nähe, in dem wir uns mit frischen Früchten, Knollen,Zwiebeln, Blättern usw. versorgen konnten, haben die Enttäuschung über das restliche Angebot dann wenigstens etwas wettgemacht.
Im Nachhinein kann ich Mathias verstehen, der am liebsten einen großen Bogen um die Stadt oder wahrscheinlich sogar die ganze Halbinsel gemacht hätte, Trotzdem bin ich froh, dass wir von dort sowie von unserem zweiten Stellplatz (dem kreativen Zentrum in Palmela, das mit diversen Werkstätten zum Schreinern, Nähen, Töpfern oder zur Steinhauerei und Metallbearbeitung einlädt) einiges mitnehmen konnten, was wir zum Teil heute noch gut gebrauchen können: neben Lebensmitteln nämlich z.B. Sägespäne, die wir zur Geruchsbindung unserer Trenntoilette nutzen, oder den Holzriegel, den Mathias für unseren (sich während der Fahrt häufig verselbständigenden) Ausziehtisch dort zurechtgesägt hat.

Auf unserem weiteren Weg „zurück“ Richtung Spanien wurde uns dann gleich 2 Mal die Möglichkeit geboten, uns einen privaten Stellplatz bzw. Wasser- und/oder Stromversorgung auf einer Finca zu erarbeiten. Erst konnten wir beim Aufbau eines Holzhauses und das zweite Mal bei der Gestaltung eines Gartens helfen. Für mich ist es immer wieder eine wundervolle Erfahrung, auf Menschen zu treffen, mit denen ich in Austausch gehen kann, ohne dass dabei Geld „fließen“ muss – weil ich für eine Gegenleistung etwas anbieten kann, was ich immer bei mir habe: meine eigenen Fähigkeiten.
Eine weitere schöne Überraschung war, dass wir uns von Sagres über Barão de São Miguel und Monchique bis Loulé aufgrund des unerwartet vielfältigen Angebots öfters den Luxus gönnen konnten, vegan essen zu gehen, meist sogar richtig gut!
Ich weiß nicht, ob es am Wetter und den kühlen Temperaturen oder wieder mal an der Nähe zu einer größeren (Haupt-)Stadt – Faro – lag: Mit dem letzten Küstenabschnitt bis zum Grenzfluss nach Spanien (und seinen Touristenattraktionen) sind wir nicht so richtig warm geworden. Obwohl wir mit dem Gedanken gespielt haben, haben wir uns weder auf eine Bootstour zu den beworbenen (Benagil-)Höhlen begeben noch auf eine durch den Naturpark Ria Formosa und die dazugehörigen Inseln. Manchmal fühlt es sich einfach sinnvoller an, auf etwas zu verzichten, was mehr Zeit oder Energie oder auch Geld kosten würde, als man bereit ist, dafür aufzubringen.
Statt in die Natur sind wir bei unserem letzten Stop in Castro Marim vor der Rückkehr nach Spanien vor allem in die (Religions-)Geschichte Portugals bzw. Europas eingetaucht: für 1,10 Euro haben wir die etwa 800 Jahre alte Burg mit ihren Ausstellungsräumen besucht, die uns außerdem einen Panoramablick über die Salzseen des Natural Reserve of Sapal de Castro Marim and Vila Real de Santo Antonio geboten hat.
Ob hier immer noch – wie laut Medienberichten vor ein paar Jahren – Flamingos brüten, kann ich nicht sagen. Aber zum Abschied von Portugal konnten wir später bei einem letzten Stop wenigstens einige erspähen bzw. ihre Runden drehen sehen (leider war die Entfernung für Fotoaufnahmen zu weit ).
Adeus, Portugal!

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