Wir bewegen uns beständig weiter gen Süden bzw. Westen, immer auch ein wenig im Hinblick darauf, uns dabei möglichst primitiv(er) zu verhalten bzw. auf möglichst ursprünglichen Pfanden zu wandeln und auf möglichst naturnahe Mittel zurückzugreifen.
Gar nicht so einfach, wenn man so (v)erzogen wurde wie wir und gar nicht wissen kann, welche unserer Bedürfnisse, Vorstellungen sowie Gepflogenheiten eigentlich natürlichen Ursprungs sind und welche eher familiären oder kulturellen Traditionen entspringen. Es heißt für uns also ganz oft, dass wir uns auf unser(e) Gefühl(e) verlassen „müssen“, aber gleichzeitig auch bedenken (und ausdiskutieren…), wohin das führen könnte.
In dem Gefühl, dass wir Deutschland nach der – nächtlichen – Ankunft bzw. nach ein paar Stunden Schlaf auf einem Camperstellplatz in Travemünde, möglichst schnell wieder verlassen wollen, waren wir uns zum Glück mal einig. Also haben wir uns nur einen kurzen Hafen- und Strandspaziergang in Niendorf gegönnt, einen kurzen Tank- und (Bioladen-)Shoppingstopp in Oldenburg eingelegt und sind dann in die Niederlande – nach Midwolda, in die Nähe von Groningen, „weitergedüst“ (falls man das Ankämpfen gegen Windböen überhaupt so bezeichnen kann)… Auch wenn die Nacht vor dem Campingplatz am Yachthafen nicht die ruhigste, nämlich sehr stürmisch war, war sie für uns nach einer ziemlich schlaflosen am Fährhafen in Karlshamm (in der Nähe eines durchweg brummend-laufenden LKWs) und der eher kurzen in Travemünde wahrscheinlich trotzdem erholsam..
Die nächsten beiden Tage und Nächte haben wir – nach einem wetterbedingt sehr kurzen Abstecher an die Nordsee, in den Nationalpark Lauwersmeer – auf einem Bauernhof im westfriesischen Workum (beim beständigen Gebrumme der Windkraftanlage des benachbarte Bauern …) ein wenig durchgeatmet, Schlaf nachgeholt und mal so gut wie Nichts gemacht, was für andere Menschen wahrscheinlich Reisen bedeutet: Wir sind im Grunde die meiste Zeit daheim geblieben bzw. haben uns in und mit unserem 1-Zimmer-6-Quadratmeter-Schlaf- und Esszimmer-Küche-Bad-Büro-Wohnraum beschäftigt.

Im Grunde fand ich es schade, dass wir uns bewusst nicht mehr Zeit nehmen wollten, die von Wasserwegen durchzogenen, malerischen Landschaften zu erkunden oder uns die kleinen Dörfer genauer anzusehen. Aber die Welt ist einfach viel zu groß und eine Lebenszeit einfach etwas zu begrenzt, um überall länger als für relativ wenige Augenblicke zu bleiben, um mehr als ein paar – oft zusätzlich von Sprachbarrieren behinderte – Worte zu wechseln oder um mehr als das zu erfahren, womit sich Menschen (oder auch Tiere) momentan beschäftigen. Ein fundiertes Wissen, das auch Hintergründe beleuchtet bzw. Beweggründe erklärt lässt sich so natürlich nicht gewinnen. Immerhin weiß ich- trotz Sprachbarriere – jetzt, dass es (mindestens!) einen Bauern in Westfriesland gibt, der – ohne seinen Hof ganz aufgegeben zu haben – statt des Traktors jetzt bis zur Rente lieber LKWs fährt. Vielleicht ist es ja genau das, was Reisen ausmacht: entlang des Weges kleine Anekdoten aus dem Leben anderer sammeln und mit den eigenen vermischen, so dass am Ende ein – buntes – Gesamtbild entsteht?
Die nächste Station, die wir – für einen Abschiedsbesuch – anfahren wollten, war Amsterdam. Am Ende war es für uns allerdings auch ein Kennenlernen: von Amsterdam Noord, der kostenlosen Fähren zum Zentrum und von einem wirklich zauberhaften, bepflanzten (Industrie-)Hinterhof, der mir jetzt – zusammen mit unseren Gastgebern – bestimmt in schönerer Erinnerung bleiben wird als der Rest der Stadt (obwohl wir uns dort richtig back to primitive verhalten und wie kleine Kinder lecker – indisch, ökologisch produziert und rein pflanzlich – bekochen lassen haben).


Außerdem durften wir uns in Almere, der laut Medienberichten jüngsten und „grünsten“ Stadt der Niederlande (für die die ehemalige Zuiderzee trocken gelegt wurde, um die wachsende Bevölkerung von Amsterdam unterbringen zu können…) einen Eindruck davon verschaffen, wie dort junge Menschen ein eigenständig entworfenes Holzhaus gerade selbst bauen. Da es Mathias` Traum ist, genau das irgendwann in Süd- oder Mittelamerika zu tun, gehört auch das zu unserer Reise: Ideen dazu zu sammeln, wie sich Menschen mit möglichst primitiven Mitteln ein schönes Zuhause schaffen.
Belgien erschien uns auf der Durchreise nicht verlockend genug, um dort für länger als nötig, d.h. für eine Pause von der mit unserem Bus auf engen Straßen – mit für uns oft schwer les- oder deutbarer Beschilderung – oft anstrengenden Fahrt) zu bleiben. Wir haben also nur eine Nacht in Flandern (Beveren) auf dem Parkplatz vor dem (Renaissance-)Schloss Cortewalle verbracht. Vielleicht hätten wir, wenn wir es besucht hätten, auch darin etwas zum Thema „primitiv leben“ lernen können; aber da der Herbst täglich spürbar näher rückte, haben wir uns dafür entschieden, möglichst schnell nach Frankreich bzw. dessen (Nord- und West-)Küste entlang Richtung Spanien weiterzufahren.

Schreibe einen Kommentar