Schon vor vier Wochen haben wir Südschweden (mit der Fähre von Karlshamn) verlassen, weil wir uns einig darin waren, dass wir uns langsam gen Süden bewegen sollten, wenn wir auf unserem Weg nicht irgendwann unnötig viel frieren wollen. Auch wenn die Landschaften, die wir in den Wochen zuvor bereist haben, zum Teil wirklich märchenhaft waren, war für uns kein Ort darunter, der uns so gefesselt hätte, dass wir ihn unbedingt in den kältesten Monaten des Jahres würden erleben wollen.
Was wir schon öfters ein wenig vermisst haben, ist die Gewissheit, dass wir eigentlich überall „in der Natur“, also außerhalb von Ortschaften, wo wir – auch außerhalb ausgewiesener Parkplätze – für unseren knapp sechs Meter langen und 2,7 Meter hohen Bus einen Stellplatz finden, auch eine Nacht verbringen können, ohne befürchten zu müssen, verjagt zu werden. Auch wenn das schwedische allemansrätten, das Jedermannsrecht, vor allem Menschen erlaubt, sich Tag und Nacht in der freien Natur auch auf Privatgelände aufzuhalten, solange dafür keine Zäune eingerissen werden „müssen“ und sie dabei auch sonst nichts zerstören oder verschmutzen bzw. jemand anderen stören, scheinen an den meisten Orten, die man mit einem Automobil ohne Geländefunktion erreichen kann, auch diese geduldet zu werden.
Mittlerweile sind wir allerdings schon oft genug – in Amsterdam, den Niederlanden/Westfriesland, Belgien oder zuletzt gerade in Frankreich – so positiv von privaten oder anderen „offiziellen“ Stellplätzen für sehr wenig Geld (und/oder dafür sehr netten Service) überrascht worden, dass wir wenig Bedenken haben, den Vorzügen, die Schweden für Menschen wie uns bietet, lange nachzutrauern.
Für mich war ohnehin von Anfang an ziemlich klar war, dass der „schwedische Weg“ (in Sachen Digitalisierung, Geld- und Gesundheitspolitik oder auch Naturschutz) genauso wenig verlockend zum (Miter-)Leben (als Landesbewohnerin) ist wie das, was ich aus Deutschland kenne. Obwohl mir also ein paar Wochen im Land vollends genügt haben, um mir meine Vorahnugen zu bestätigen, bin ich dankbar für die Erfahrungen, die ich hier machen konnte und für die Erinnerungen, die bestimmt noch eine ganze Zeit lang bleiben und nachwirken oder immer mal wieder wachgerufen werden:
An die weiten Waldlandschaften, an flechten- und moosbewachsene Felsenmeere oder eindrucksvolle Steinbrocken, bei denen wir uns oft gefragt haben, wie sie wohl an die Stellen gekommen sind, die sie gerade belegen, und an die oft seerosenbewachsenen und schilfumsäumten kleinen und riesigen Seen.
An den Morgennebel, an die unterschiedlichsten Küstenformen, an Häfen, Sandstrände und die wunderschönen Schärengärten.
An Hagebuttensträucher, Blau-, Brom- und in Jonköping sogar Maulbeeren, Schlehen, Pilze, Apfelbäume, die dafür gesorgt haben, dass ich so einiges sammeln konnte, um unseren Speiseplan zu bereichern.
An Sonnenauf- und untergänge – über Seen, Wäldern, der Öland-Steppe oder an der Küste.
Vor allem an Öland, das wir bis vor Kurzem noch nicht einmal vom Namen her kannten, mit seinen savannenartigen Weiten, seinen Mooren oder eher Schilfandschaften und Küsten. Neben einem Paradies für unzählige (Zug-)Vögel, die dort Zwischenstops einlegen, ist es allerdings auch ein „Weltkulturerbe“, das nicht sehr viel mit ursprünglicher Natur zu tun hat (auch wenn die z.T. extensive Bewirtschaftung auf ungeübte Augen einen anderen Eindruck erwecken mag).
Die für mein Empfinden grausame Realität der „Nutztierhaltung“ wurde uns an einem Morgen, als wir einfach ein schönes Plätzchen am Strand gesucht haben, um dort einen Kaffee zu trinken, vor Augen geführt: Wir sind zufällig Zeugen des Abtransportes von Kälbern geworden, die vorher mit ihren Müttern auf den riesigen Weiden gelebt hatten. Ein junger Bauer hat sie mit Heu und Rufen in ein Gatter gelockt, in das sie eifrig-vertrauensvoll zum Fressen gelaufen sind. Zwei zwischenzeitlich in einem „Nahrungsmitteltransporter“ dazugekommene Männer haben dann geholfen, die Jungtiere von ihren Müttern zu trennen und in den Transporter zu treiben.
Von unserer entfernten Position aus schien es nicht, als würden sie auf viel Gegenwehr stoßen. Aber noch lange, nachdem sie abgefahren waren, haben die Kühe laut gerufen, und sie kamen alle noch einmal zurück zum leeren Gatter, nachdem sie ein erstes Mal in ihrer Gruppe davongetrottet waren.
Es fällt mir schwer zu glauben, dass es die Aufgabe oder das Recht des Menschen ist, Tiere für seine Zwecke zu züchten und selektiv zu töten. Aber deshalb gehören zu meiner Vorstellung von einem „primitiven“ Leben auch keine „Nutz-“, geschweige denn „Haustiere“ (außer vielleicht denen, die sich auch ohne Einladung entscheiden, Wohnräume zu besiedeln, und sich dabei als nützlich erweisen).

Auch an die herbstlich-bunte Pflanzen- und Vogelwelt werde ich bestimmt noch öfters zurückdenken: An Gänse, Kormorane, Kraniche, Reiher, Spechte, Möwen und vor allem die Goldhähnchen, die uns fast überall begleitet haben.
An die anderen Tiere, die unsere Wege gekreuzt haben: Schafe, Kühe, Rehe, Damwild; Libellen, Schmetterlinge und Spinnen bzw. deren Netze.
An besondere, menschengeschaffene Orte wie einen Autofriedhof, das Geburtshaus des schwedischen Dichters Stagnelius, das uns zu einer Kaffeepause verlockt hat, als wir an dem einladenden Gartencafé vorbeikamen, das dort heute im Rahmen eines Kulturzentrums betrieben wird; an Kurt Tucholskys Grab in Mariefred, an Runensteine mit ihren alten Geschichten oder an „Mormors Bakeri“, wo auch reine „Pflanzenfresser“ wie wir am vegetarischen Buffet satt werden und wo sogar zum Teil vegan gebacken wird (so dass wir uns mal überraschend an Schoko- und Apfelkuchen erfreuen konnten).
An das postbotenfreundliche Briefkastensystem sowie die verbreiteten „Einrichtungen“ für Radfahrer und Radfahrerinnen oder Grillbegeisterte.
An die alltäglichen Spuren von „Snus“ in der Umwelt, bei denen ich mir nicht vorstellen kann, dass sie – wie (natürlich wissenschaftlich begründet …) behauptet wird – weniger schädlich sind als die des Rauchens, werde ich dagegen hoffentlich nicht so schnell oder oft wieder erinnert.

Trotz der vielfältigen Naturbegegnungen bzw. Rückzugsmöglichkeiten von der Zivilisation und der Begegnungen mit Menschen, – wie Lukas, der mit einem 30kg-Rucksack zu Fuß unterwegs war, oder vielen anderen, die ihre Zelte in der Natur aufgeschlagen haben, und ökologisch arbeitenden Hofbetreiber und -betreiberinnen – die ich als naturverbunden bezeichnen würde, habe ich Südschweden alles andere als „ursprünglich“ empfunden (aber stattdessen für sehr geeignet, um eine Reise zu starten, die getreu ihrem Motto im besten Fall dorthin zurück führt).
Dass Menschen trotz der „fortschrittlichen“ Bestrebungen in vieler Hinsicht z.B. auf einen schwedischen Bauern- und Widerstandsführer (gegen König Gustav Wasa) – Nils Dacke – aufmerksam gemacht werden, habe ich zum Abschluss Dank der nach ihm benannten Fähre – von Karlshamn über Trelleborg nach Travemünde – noch festgestellt (und dazu noch ein wenig über die Geschichte des Landes gelernt).
Ob das „richtige“ Schweden – wie zwei langjährige Schwedenreisende behauptet haben – auch für uns erst oberhalb der großen Seen Vättern und Vänern, fenab des Bullerbü-Syndroms, im Land der Sámi, beginnt, werden wir vielleicht nächstes Jahr herausfinden können (wenn wir gerne zurückkommen würden, um den Sommer in Norwegen zu verbringen).









