Kategorie: Marokko

  • Wendepunkte II – zurück in Spanien (und Europa)

    Zwei Monate lang haben wir uns in Andalusien vorwärts bewegt oder auch mal gewendet und ein paar Kreise gedreht, nachdem wir Portugal über den Rio Guadiana verlassen hatten – mit dem Gefühl, das uns auch schon nach dem Besuch anderer Orte begleitet hat (auf deren Geschichte/n wir aufmerksam gemacht wurden oder zu denen uns selbst eine eingefallen ist): einen Satz zurück in die Historie der Menschheit gemacht zu haben.

    Spanien hat uns dann damit in die neuzeitliche Realität zurückgeholt, dass unser erster angepeilter Stellplatz von einem Weihnachtsrummel besetzt war. Immerhin haben wir nur dadurch unser Glück in Strandnähe – von La Antilla – versucht. Mittlerweile wissen wir, dass es außerhalb der Saison an vielen Orten unproblematisch ist, auch an von sonne-und-meereshungrigen Menschen begehrten Orten noch einen kostenlosen Stellplatz zu finden; aber an unserem ersten Abend waren wir – nicht nur aufgrund der fortgeschrittenen Uhrzeit – diesbezüglich noch sehr skeptisch. Daher haben wir uns sehr über den begrünten Schotterplatz gleich hinter den Strandbungaloreihen gefreut, an dem wir eine ungestörte Nacht verbringen konnten. Und ich, die ich mich in den Morgenstunde gerne erst einmal draußen bewege, konnte einen unerwarteten Sandstrandspaziergang genießen.

    Auch die Tage danach an der Costa de la Luz, haben wir erst einmal am Strand – von Matalascanas – verbracht. Auf dem Weg dorthin hat uns der Stop an einem Anglersee kurz hinter Huelva zwar nicht den angedachten Stellplatz, mir aber neue Kenntnisse bezüglich der Bereicherung unseres Speiseplans mit Wildpflanzen eingebracht. Dank meiner Neugier, meiner Fähigkeit, auf Dinge, die mich interessieren, einfach mit dem Finger zeigen zu können, meiner Kenntnis des Wortes Entschuldigung im Spanischen und des lateinischen Asparagus konnte ich in Erfahrung bringen, womit sich ein älteres Paar dort gerade beschäftigte: mit dem Sammeln von wildem Spargel. Ein paar Tage danach habe ich den dann bei einem Spaziergang wiedererkannt, so dass ich selbst ein wenig gesammelt habe und wir uns selbst davon überzeugen konnten, dass er leicht angebraten wirklich gut zu unserem Abendessen gepasst hat.

    Unser nächtes Ziel – eines der wenigen, die schon von Anfang unserer Reise an, angedacht waren (weil er Mathias bekannt war)- war der Doñana Nationalpark. Ich habe es mir leider immer noch nicht abgewöhnt, in sogenannten „Schutzgebieten“ von Menschen in Ruhe gelassene Natur zu erwarten… Geradezu schockiert hat mich daher vor allem, dass große Teile militärische Sperrzone sind, deren Umzäunung natürlich auch für viele Tiere ein unüberwindbares Hindernis ist. Dafür wurde an anderen Stellen – mit großen Schneißen durch den Pinienwald – viel Freiraum geschaffen …

    Dass ich immer mehr riesige mit Plastik überspannten Flächen zu Gesicht zu bekommen würde, auf denen – geschützt vor der Natur – Beeren und andere Kulturpflanzen gezogen werden, darauf war ich schon seit Portugal vorbereitet. In einem Nationalpark oder direkt an ihn angrenzend, hatte ich sie allerdings nicht in diesem Ausmaß erwartet.
    Woran ich mich trotzdem gerne erinnern werde, das sind die vielfältigen Begegnungen – mit sehr unterschiedlichen, von der (Neu-)Bebauung und Bewrtschaftung des Gebiets mal mehr, mal weniger betroffenen Menschen, mit verschiedensten Vögeln, Rehen, Kühen, Pferden, Kaninchen – und an das Glück, einen wirklich ortsverbundenen, nämlich dort großgewordenen Guide bekommen zu haben, der uns bei einer Tour Informationen aus erster Hand über die Veränderungen in den letzten Jahrzehnten liefern konnte, haben . Laut ihm sagen viele ältere Menschen, dass Doñana, das 1969 bzw. 1978 zum Nationalpark erklärt wurde, heute tot sei. Wer weiß, wer oder was in weiteren 50 Jahren dort leben wird?

    Weil Sevilla und Jerez de la Frontera mehr oder weniger auf unserer Strecke lagen, haben wir dann zur Abwechslung ein paar Tage lang Stadtluft geschnuppert, Bioläden, vegane Restaurants und Cafés ausgekundschaftet und uns danach erst einmal erholen müssen. Unser längster Aufenthalt an einem Ort – 17 Nächte etwas außerhalb von Conil de la Frontera, bei einer deutschen Auswandererin, die selbst mehrere Jahre in einem Bus gelebt hat und gereist ist – war fällig. Es war trotz Arbeitseinsatzes (Mathias als Schreiner, ich als Efeupflanzerin und Köchin), mit dem wir uns den Stellplatz, eine Gemeinschaftsküchenmitbenutzung und sogar Saunagänge finanziert haben, einer der bis dato entspanntesten.

    Zu unserem Weihnachtsessen haben wir unsere Gastgeberin eingeladen (so dass wir im Gegenzug eingeladen wurden, es gemeinsam in einem Esszimmer zu genießen statt an einem kleinen Ausziehtisch): selbstgemachte Seitanmedaillons, Kartoffel- und auch meine ersten Süßkartoffelknödel und Rotkohl. Den Silvesteabend haben wir bei seit Längerem fast zum täglichen Programm gehörenden Regen mit allen anderen Angereisten – zu Elft – in einem kurzfristig aufgebauten Pavillion verbracht. Sogar eine Feuertonne konnte noch organisert werden, so dass bei den niedrigen Temperaturen niemand frieren musste.

    Kurz vorm Jahreswechsel konnten wir uns dann tatsächlich im Trockenen auf die Dachterasse begeben und um Mitternacht bzw. 3 Minuten nach 0 Uhr (nach dem traditionellen Traubenessen?) ein wenn auch recht spärliches Feuerwerksspektakel über Conil anschauen.
    Der Abschied, nach der Einwehung des von Mathias gefertigten Tisches, ist fast ein bisschen schwer gefallen. Mitgenommen haben wir diverse Tipps für die Weiterreise – Richtung Tarifa – und einige neue Kontaktdaten sowie Gedanken über Möglichkeiten für zukünftige Treffen im Kopf.

    Seit Längerem fahren wir unsere Reisestationen ja eher nach der aktuellen Temperatur und Regenwahrscheinlichkeit bzw. Wettervorhersage an – sozusagen mit der Gunst natürlicher Gegebenheiten – statt nach persönlichem Interesse, Lust und Laune, Willkür oder Intuition. So müssen wir zwar hin und wieder Abstriche machen hinsichtlich der Orte, die wir gerne besucht hätten oder an denen wir gerne länger geblieben wären, landen dafür aber auch an schönen Fleckchen, die wir sonst mit Sicherheit ausgelassen hätten, weil sie unsere Aufmerksamkeit gar nicht auf sich gezogen hätten.

    So haben wir es tatsächlich geschafft, dass uns Tarifa zumindest kurzzeitig ihr sonniges Gesicht gezeigt und hauptsächlich abends und nachts Regen beschert hat.

    Sehr ungemütliche Stunden draußen nutzen wir mittlerweile öfters dazu, unser Bett zur Couch umzubauen und einen – oft standortrelevanten oder sonstwie gerade zu unserer Situation oder aktuellen Fragestellungen passenden- Film zu schauen. An Weihnachten war es z.B. Der Name der Rose, in Tarifa (wegen der Meerenge von Gibraltar) dann Das Boot .

    Um die Folgen ausdauernder, wenn auch hauptsächlich nächtlicher Regengüsse kommen wir so natürlich trotzdem nicht herum: Unser sandiger Stellplatz etwas oberhalb der Innenstadt wurde so aufgeweicht, dass wir beschlossen haben, unsere Abfahrt um einen Tag – zum Abtrocknen des Bodens – zu verschieben und stattdessen für einen Tag den Kontinent zu wechseln. Dadurch konnten wir uns den südlichsten Punkt des europäischen Festlandes, den ich – als nächsten Wendepunkt auf unserer Reise – ansteuern wollte, der aber nicht öffentlich zugänglich ist, sondern nur mit einem gebuchten Guide besucht werden darf, einfach von (Nord-)Afrika aus bzw. auf einer Fährfahrt nach Tanger sowie auf der Rückfahrt noch ein zweites Mal anschauen. Nur auf das Erinnerungsfoto durch eine Fensterscheibe habe ich verzichtet. Dafür gibt es eines von unserem Ausblick beim Sonnenuntergang unserer Ankunfttages.

    Nordafrikas (Alt-)Städte mit ihrem bunten Treiben und Kräuter- oder Gewürzdüften, mit denen wirklich kein europäischer Markt mithalten kann, sind eine ganz besondere Erfahrung. Allerdings habe ich festgestellt, dass mich die überwältigende Vielzahl an „exotischen“ und unzähligen anderen Warenangeboten eher abstößt als begeistert. Mir wurden in den letzten Wochen immer wieder riesige Monokulturenflächen – zur Gewinnung von Zitrusfrüchten, Feigen, Avocados, Mandeln, Haselnüssen, Blattgemüsen, Wein, … vor Augen geführt, mit denen Menschen der Natur so große Erträge wie möglich abgewinnen, egal, ob sie sie eigentlich brauchen bzw. ob es eine Nachfrage danach gibt der nicht. Auch wenn sich – abgesehen von den Verpackungen – das Meiste davon leicht kompostieren und somit in natürliche Kreisläufe zurückführen lässt, frage ich mich, wie viel Platz wir Menschen anderen Arten von Lebewesen – zur natürlichen Regeneration – zurückgeben könnten, wenn wir uns auferlegen würden, nur das zu kultivieren, was wir wirklich ver-brauchen können.

    Wir haben uns jedenfalls keinen Teppich aufschwatzen, sondern nur von einem Händler, der uns auf den Balkon hingewiesen hat, von dem Leonardo di Caprio in einer Filmszene gesprungen ist, INCEPTION als Filmidee in den Kopf setzen lassen. Mit einem Kilo Datteln, Hautöl, einem Frühstück und vor der Rückfahrt in einem winzigkleinen Restaurant noch zu uns genommener Harira, marokkanischenem Tee und Gemüse-Tajine im Magen sind wir ziemlich erschöpft, aber auch zufrieden mit unseren Entscheidungen wieder aufs europäische Festland zurückgekehrt.